Ein weiterer Brief

Hallo ihr Lieben,

geht es euch auch oft so, dass ihr nur ungern von geliebten Charakteren Abschied nehmt und gerne wissen wollt, was die Zukunft für sie bereit hält? Nun, Autoren geht es mit Nichten anders 😀 (nur gut, dass wir wissen, wie es weiter geht).

Dieses Kapitel über Alex und Olivia aus Flying Hearts – Rückkehr ins Nimmerland habe ich vor einiger Zeit für einen Wattpad-Adventskalender geschrieben und, auch wenn die Jahreszeit nicht passt, interessiert es jemanden von euch, wie Alex die Fragen der Fragen stellt?

Viel Spaß. Ich hoffe es gefällt euch.

Liebe Grüße

Claudia

PS: Wer Lena noch nicht kennt, kann sie in Tims (kostenloser) Story kennenlernen 🙂

 

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Olivia

Weihnachten. Ich liebe Weihnachten. Alles ist so ruhig und besinnlich. Die geschmückten Fenster laden zum Schwärmen ein. Die Kinderaugen strotzen nur vor erwartungsvoller Spannung und leuchten und funkeln und staunen über jede Tradition, die für uns Erwachsenen schon fast selbstverständlich ist und kaum noch gewürdigt wird. Lange habe ich diese Saison des Jahres gemieden, aber das ist seit über einem Jahr anders. Ich erlaube mir, wieder ein Familienmensch zu sein und die Feiertage mit meinen Liebsten zu verbringen. Eine ganze Weile habe ich mir dies selbst verwehrt und mein Herz wird noch heute schwer, wenn ich nur an diese Phase meines Lebens zurückdenke. Doch seit Alex sich in mein Leben zurückgeboxt hat, hat sich nicht nur das Verhältnis zu meinen Eltern um einiges verbessert. Morgen, zum ersten Weihnachtsfeiertag, fahren wir nach Hause in unser altes Dorf und bleiben dort bis Silvester. Am meisten freue ich mich auf meinen Neffen, der sein erstes richtiges Fest erlebt. Mein Vater hat mir am Telefon versichert, dass auch morgen noch Schnee liegt, denn auch wenn es kalt in der Stadt ist, ist der weiße Zauber eher eine Seltenheit. Ich liebe Weihnachten, aber nur mit der weißen Pracht fühlt es sich auch echt an.

Überraschungen dagegen… Nun, ich hasse Überraschungen. Alex weiß das. Tim weiß das. Kurt weiß das. Verdammt, Jenna und Ines wissen das. Selbst Lena, die ich erst seit dem Sommer kenne, weiß das. Sie ist neben mir die Einzige im Aufzug zu den Agenturräumen, die nicht vor Vorfreude zu zerbersten droht. Die anderen Frauen in unserem Quartett, Jenna und Ines, sind seit unserem Aufbruch bei mir zu Hause ein labernder Haufen aufgescheuchter Hühner. Man könnte sagen, sie leben inbrünstig die Vorfreude, die Lena und ich einfach nicht empfinden wollen, für uns alle aus. Mir graut es eher bei der Vorstellung, was die vier Jungs alleine ausgeheckt haben. Sie haben uns gestern einfach nur aus der Agentur geschmissen, mit dem Hinweis, heute, zum Heiligen Abend pünktlich um achtzehn Uhr wieder da zu sein. Alex und Tim sind heute Vormittag los und waren seit dem nicht mehr gesehen. Lena und ich haben einen gemütlichen Nachmittag verbracht, um uns selbst von dem bevorstehenden Horror abzulenken. Genau wie ich, hat sie ihre Zweifel, was ihr Tim und die anderen unter „Wir haben eine phänomenale Überraschung für euch“ verstehen.

„Oliv, könntest du wenigstens so tun, als würdest du dich freuen?“, entrüstet sich Jenna genervt und Ines stimmt ihr heftig nickend zu. Ich versuche mich an einem halbherzigen Lächeln und sie verdreht kopfschüttelnd die Augen. Lena gibt mir dagegen einen Daumen hoch. Die aufgleitenden Fahrstuhltüren ersparen mir eine weitere Diskussion zu diesem Thema. Wir zwei Fronten werden da nie einen gemeinsamen Nenner finden.

„Ich will gar nicht erst weitergehen“, stöhnt Lena neben mir, als wir vor der kitschig geschmückten Bürotür stehen. Sonst empfing uns eine simple milchige Sicherheitsglastür, die lediglich das Firmenlogo von NOB ziert. Jetzt befindet sich über dem Eingang eine rot glitzernde Girlande. Sie ist in akkurat gleichmäßigen Bögen am Rahmen befestigt und hängt locker an den Seiten herab. Einzelne Weihnachtskugeln und Schleifen setzen dem Ganzen die Krone auf. Es fehlt nur noch so ein heuchelnder Mistelzweig. Als ob ich meinen Freund nicht auch so küssen würde. Ines und Jenna sind jetzt schon hin und weg, während ich befürchte, dass uns im Inneren ein explodiertes Weihnachtsmannhauptquartier erwartet. Ich wette, mindestens einer der Jungs hat sich in ein Elfenkostüm gezwungen. Zu meinem Erstaunen kichert von allen ausgerechnet Lena los. Kurz glaube ich, meinen Spannemann verloren zu haben und sie wurde auch vom Weihnachtskitschfieber gepackt.

„Tim“, grinst sie neben mir und deutet auf die Kugeln. Ich folge der Richtung mit meinem Blick. Bei genauerem Hinsehen erkennt man lauter kleine schwarze Totenköpfe auf dem roten Untergrund aufgedruckt. Wenigstens hat er versucht einen persönlichen Touch in die Sache zu bringen.

„Gehen wir einfach rein oder sollten wir klopfen?“, fragt Ines etwas ratlos. Ich sehe auf meine Armbanduhr, die ich mir in London gekauft habe.

„Wir sind auf die Sekunde pünktlich“, beginne ich und wie aufs Stichwort, öffnet sich die Tür.

„Oh mein Gott“, stöhne ich entgeistert, als Kurt vor uns in einem Weihnachtselfenkostüm auftaucht. Er verbeugt sich tief vor uns und Jenna kichert wie wild über ihren Freund.

„Ladys, darf ich bitten?“, fragt er mit zuckersüßer Stimme und wir folgen seiner Aufforderung. Ich traue mich gar nicht meinen Blick zu heben, als Ines und Jenna bezaubernde Laute von sich geben. Auch wenn ich meinen Blick noch abwenden kann, kann ich meine Nase leider nicht abstellen. Es riecht furchtbar angebrannt hier drinnen. Ein Wunder, dass der Feuermelder noch nicht angesprungen ist. Aus Neugier, was in ihrem Übereifer, außer dem Essen noch drauf gegangen ist, hebe ich meinen Blick. Explodiertes Weihnachtsmannhauptquartier trifft es wirklich ganz gut. Alles, ja wirklich alles, ist rot, weiß und grün gehalten. Die Girlanden im Raum hängen schief und das Lametta darin funkelt mit den erwartungsvollen Augen von Basti und Kurt um die Wette. Tim dagegen grinst Lena nur entschuldigend an. Ein Stück vor dem Eingang zur Küche steht ein Weihnachtsbaum, der überladen ist mit allem Erdenklichen. Büroklammern befestigen die roten Schleifen an den stachligen Ästen und ich grinse in mich hinein. Das ist so typisch für meine Jungs. Jedoch fehlt einer um das Quartett an männlichem Testosteron komplett zu machen. Alex. Gerade, als ich Tim nach seinem Verbleib fragen will, öffnet sich die Tür hinter mir erneut. Mit einem Schritt nach rechts weiche ich dem Glas aus und beginne bei dem Bild vor mir laut zu lachen. Lena stellt sich mit verschränkten Armen neben mich und grinst ebenfalls.

„Euer Kochversuch ging wohl ziemlich nach hinten los, was?“, kichert Jenna und beäugt die Pizzaschachteln in den Händen meines Freundes.

„Man sollte Basti und Kurt halt keine fünf Minuten alleine in der Küche lassen“, brummt er und sieht die Betroffenen genervt an. Mir entfährt ein weiteres Lachen, als Jenna und Ines zustimmend nicken. Sie wohnen alle gemeinsam in einer WG und der letzte Kochversuch der beiden Jungs endete mit einem Feuerwehreinsatz, aber irgendwie lernen sie nie daraus. Man kann halt nicht auf jedem Gebiet talentiert sein.

„Hey“, begrüßt Alex mich liebevoll und umarmt mich mit einer Hand. Er küsst mich gefühlvoll auf die Schläfe und verwindet seine freien Finger in meine. Er führt mich zu einem Tisch, der provisorisch aus zwei abgeräumten Schreibtischen besteht. Diese Platte ist das Einzige im Großraumbüro, das dezent geschmückt ist und ich vermute stark, dass dafür Tim oder Alex verantwortlich sind. Lena und ich sind eher die Minimalisten, während Ines und Jenna auf das ganze Kitschprogramm stehen. Alex legt die Schachteln in der Mitte ab und dreht sich gleich wieder zu mir. Er verzieht missbilligend den Kopf und nickt mit seinem Kopf zur Seite. Ich folge der Richtung mit meinem Blick und vergrabe im nächsten Moment meinen Kopf in Alex Schulter. Jenna und Kurt legen einen filmreifen Willkommenskuss hin, als ob er ein Soldat wäre und nach Jahren aus dem Krisengebiet zurückgekehrt wäre. Ich freue mich wirklich für die Beiden, aber in unserer Gegenwart könnten sie es doch wenigstens jugendfrei halten, oder? Und dann trägt er dabei noch dieses Kostüm. Könnten Kinder die zwei sehen, sie hätten den Schock ihres Lebens.

Tim räuspert sich lautstark und klopft Kurt auf die Schulter und Lena sieht überall hin, nur nicht auf das Pärchen. Jenna läuft sogar rot an, was eher selten ist. Sie war anscheinend wirklich in dem Glauben, dass sie wie von Zauberhand plötzlich alleine mit ihrem Freund ist. Nach einer kurzen peinlichen Stille räuspert sich Alex neben mir.

„Also, Frohe Weihnachten euch allen und Guten Appetit!“, ruft er in die Runde und alle erwidern seine Wünsche. Es ist relativ ruhig während wir essen, jedes Paar ist in seiner eigenen Welt, nur Alex scheint in Gedanken immer wieder abzuschweifen. Was in Ordnung ist. Ich liebe es, dass er sich in meiner Gegenwart so entspannen und sich in seinem Kopf verlaufen kann. Ihn dabei zu beobachten ist eines meiner Lieblingsmomente.

Als wir fertig sind mit dem Essen, räumen die Männer ab und verbieten uns Frauen, auch nur einen Finger zu rühren. Die angenehme und besinnliche Stille verpufft damit in der Luft. Ich setze mich zu Lena, während Ines und Jenna jede Dekoration besichtigen gehen und alle paar Minuten verzückt aufseufzen.

„Ich fühle mich, als wäre hier drin ein fetter Weihnachtself geplatzt und diese ganzen Girlanden sind seine glitzernden Eingeweide“, philosophiert sie trocken neben mir. Meiner Kehle entfährt ein amüsiertes Schnauben.

„Tim färbt mit seinen Horrorfilmen echt langsam auf dich ab, oder?“, frage ich kichernd.

„Dezent“, erwidert sie lächelnd. Gott, ich bin so froh, dass Tim jemanden wie sie gefunden hat. Lena ist perfekt für ihn.

„Komm“, flüstert mir Alex plötzlich von hinten ins Ohr. Sein Atem kitzelt mein Ohr und jagt mir einen wohligen Schauer Gänsehaut den Rücken herunter. Er hält mir die Hand hin und ich zögere, sie zu ergreifen.

„Wo gehen wir hin?“, frage ich skeptisch, als ich meine Jacke in seiner Hand sehe. Er selbst trägt seinen schwarzen Mantel, Schal und seine Beanie.

„Überraschung“, sagt er, in voller Montur grinsend. Da war es wieder, dieses schreckliche Wort. Wissend, dass ich nicht drumherum kommen würde, erhebe ich mich und er hilft mir in den dicken Wintermantel. Er setzt mir sogar meine Mütze auf und küsst mich danach auf die Nasenspitze.

„Komm“, flüstert er und nimmt meine Hand in seine.

Alex zieht mich zum Ausgang und Lena wirft mir einen wehleidigen Blick zu. Ich glaube, für sie ist das Ganze hier auch ein wenig übertrieben. Selbst Tim, der alles genau wie Alex mit organisiert hat, sieht uns sehnsüchtig hinterher. Die anderen vier bekommen unseren Abgang überhaupt nicht erst mit.

Wir treten in den Aufzug ein und zu meiner Überraschung drückt mein Freund den Knopf der obersten Etage.

„Ich war noch nie da oben“, verkünde ich ihm etwas aufgeregt.

„Ich weiß“, erwidert er nur lächelnd. Die Fahrt ist schnell vorbei und Alex nimmt meine Hand in seine. Die Treppe zum Dach steht offen und wir steuern geradewegs darauf zu.

„Meinst du nicht, dass es etwas kalt draußen ist?“, frage ich skeptisch.

„Warte es ab“, speist er mich lediglich ab. Ich hasse Überraschungen, habe ich das schon mal erwähnt? Unermüdlich setzen wir unseren Weg fort, bis uns die kalte Abendluft um die Nase weht.

„Wow“, entfährt es mir, als ich den ersten Schritt nach draußen mache und sich die phänomenale Aussicht vor mir erstreckt.

„Ich habe nie gewusst, dass man so weit von hier sehen kann“, staune ich und will etwas weiter nach vorne treten, doch Alex Hand schließt sich sanft um mein Handgelenk.

„Wir müssen hier lang“, sagt er und mein Protest bleibt mir in der Kehle stecken. Vor mir erstreckt sich eine kleine Winterlandschaft. Zwei Stühle mit Decken stehen für uns bereit. Sie sind von Kunstschnee umgeben. Neben einem Stuhl steht eine Thermoskanne mit zwei Tassen.

„Komm“, sagt er und zieht mich lächelnd hinter sich her. Er weist mir den rechten Stuhl zu und nimmt vorher die Decke runter. Ich setze mich und er legt mir die Decke um die Schultern.

„Ich habe etwas für dich“, gesteht er und kniet sich auf Augenhöhe vor mich hin. Im Moment bin ich sprachlos und warte, worauf er hinaus will.

„Wendy, dieses Weihnachten begegnen wir einer unserer Ängste und schaffen sie aus der Welt“, verkündet er und zieht einen Briefumschlag aus der Innentasche seiner Jacke.

Mein Magen zieht sich ein wenig zusammen und die Pizza liegt schwer darin. Briefe und ich können seit ein paar Jahren nicht mehr so wirklich gut miteinander. Dennoch nehme ich ihn in die Hand als Alex ihn mir erwartungsvoll hinhält. Dieser Brief ähnelt stark meinem von damals und ich frage mich, ob das vielleicht sogar Absicht ist.

Nichtsdestotrotz fasse ich mir ein Herz und öffne ihn mit leicht nervöser Hand.

Liebste Wendy,

ein handgeschriebener Brief, hm? Ich wette, wenn ich dir diesen Brief auf dem Dach unter sternenklarem Himmel überreiche, sinkt dir erst mal das Herz. Mir geht es nicht anders, sobald ich einen Umschlag in den Händen halte, auf dem auf altmodische Weise der Adressat aufgeschrieben steht. Das letzte Mal, als ich so einen Brief öffnete, hat es mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Trotzdem lese ich genau dieses Schriftstück noch oft. Es mag dir masochistisch vorkommen, aber es hilft mir beim Heilen.

Wendy, wir werden diese Briefangst jetzt ein für alle Mal los. Ich hoffe, dass dieser Brief dich höher trägt. Höher, als ich dich auf Händen je tragen könnte.

Wo beginne ich nur? Es ist Weihnachten, das Fest der Liebe, also beginne ich am besten damit. Liebe.

Nur durch dich weiß ich, was dieses Gefühl bedeutet. Wie einnehmend und befreiend es sein kann, wie es manchmal wunderschön, aber manchmal abgrundtief hässlich ist. Wir waren ungefähr acht, als wir uns kennengelernt haben. Ich sehe dich in deinem perfekten Wendykostüm noch genau vor mir. Schon damals wusste ich: Du bist besonders. Als ich dich am nächsten Tag wiedersah, habe ich dir versprochen, dass du nie wieder weinen musst und doch lasten deine traurigsten Momente auf meinen Schultern. Ich habe dir so viele Tränen verursacht und werde jede Einzelne, dieser über hundert Tropfen, wiedergutmachen. Meine erste Tat sind diese Zeilen. Wenn dir heute Tränen die Wangen befeuchten, dann sind es hoffentlich nur Freudentränen. Wenn nicht, habe ich wieder Mist gebaut, dann sehe das gleich als Entschuldigungsbrief an. Egal was ich angestellt habe, es tut mir unglaublich leid und ich hoffe, du kannst mir verzeihen. Doch Liebe ist eine eigenartige Sache. Sie lässt einen Dinge tun, die man mit klarem Verstand nie machen würde. Wie damals, vielleicht erinnerst du dich noch daran, als du zehn wurdest, wolltest du unbedingt einen weißen kuschligen Hasen haben, aber deine Eltern haben es dir auf Grund der Haarallergie deiner Schwester nicht erlaubt. Du warst so enttäuscht und wütend auf deine Schwester, dass ich unbedingt etwas unternehmen musste. Meine Eltern wollten mir auch keinen Hasen holen, da sie wussten, dass ich ihn nur wegen dir haben wollte. Erinnerst du dich noch an meinen alten Nachbarn? Der mit der Hasenzucht? Er hatte den perfekten Hasen für dich. Da niemand der Erwachsenen uns helfen wollte, haben Tim und ich Nägel mit Köpfen gemacht und sind in den Garten geklettert, in dem die Käfige standen. Ende vom Lied, der kleine Hase ist mir aus der Hand gesprungen und weggehoppelt. Ich war so frustriert, dass ich so schusslig war, dass ich vergaß, die Türen wieder zu verriegeln. Am nächsten Tag waren alle Hasen weg, der Fuchs glücklich und du noch deprimierter, da du jetzt nicht mal mehr im Ort jemanden hattest, der dich die Hasen wenigstens streicheln ließ. Ich bin schuld, entschuldige. Als du als nächstes eine Katze wolltest, habe ich mein Glück erst gar nicht versucht. Meine Tante hatte einen Kater, weißt du eigentlich wie eingebildet diese Viecher sind? Und so hinterhältig! Das konnte ich dir nicht zumuten. Ich würde alles, wirklich alles, für dich machen, aber bitte schleppe mir nie so ein Tier an.

Oder weißt du noch, das zweite Halbjahr in der vierten Klasse? Es tut mir so leid, dass du geglaubt hast, dass ich dich nicht mehr gern hätte. Ich verrate dir jetzt ein kleines Geheimnis: Ich habe mir in der Zeit den Arsch aufgerissen, damit ich es doch noch aufs Gymnasium schaffe. Ich wollte nicht ohne dich zur Schule gehen und ich wollte auch nicht, dass du für mich zurücksteckst. Dir fiel die Schule so verdammt leicht, dass ich Angst hatte, irgendwann nicht mehr mithalten zu können. Aber ich hätte es mir nie verziehen, hätte ich es nicht versucht. Vielleicht ist an dieser Stelle auch ein Dank an dich angebracht. Ohne dich hätte ich meine Nase nie so intensiv in die Schulbücher gesteckt. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie verzweifelt ich war, dass wir für vier Jahre Universität halb Deutschland zwischen uns haben sollten, aber dann kam das Leben dazwischen und du warst verschwunden.

Ich habe dich gesucht, oh und wie ich dich gesucht habe. Deine Schwester hat mich gehasst, als ich bei dir zu Hause aufgetaucht bin, aber du warst schon weg, als ich von meinem Trip mit den Jungs wieder kam. Sie schubste und schob mich von eurem Hof und ich habe Tage und Nächte damit zugebracht, mir den Kopf darüber zu zerbrechen, was um Gottes willen ich dir angetan habe, das dich wegrennen ließ. Nach und nach verschwanden alle Wege, um dich zu erreichen. Die E-Mails kamen nicht mehr an. Deine Mobilnummer wurde gelöscht. Mein einziger Anhaltspunkt war deine Uni in Berlin. Als mir das klar wurde, habe ich mich in mein Auto gesetzt und bin losgefahren. Du weißt, ich hatte einen Unfall kurz vor meinem Ziel, was ich dir aber nicht erzählt habe, ist, dass ich für ein paar Tage nicht aufgewacht bin. In der Zeit habe ich geträumt und zwar nur von dir. Ich habe dich lachen sehen. Ich habe dich beim Schlafen beobachtet und beim Lesen. Ich beobachte dich heute noch oft, wenn du deine Nase mal wieder in ein Buch steckst. Du rümpfst immer so niedlich deine Nase, wenn es spannend wird. Du schüttelst deinen Kopf, wenn ein Charakter mal wieder aus der Reihe tanzt oder du wirfst das gesamte Buch quer durch den Raum und fluchst, dass selbst ich rot werde. Du tigerst danach ein paar Mal hin und her und bleibst schließlich wieder vor dem Buch stehen, hebst es seufzend auf, blätterst zu der Seite, auf der du zuletzt warst und liest weiter. Ich weiß gar nicht, ob dir diese Macken bewusst sind, aber ich liebe jede Einzelne davon. Vielleicht bin ich deshalb damals nicht gleich aufgewacht. Meine Träume waren so viel schöner als die Realität. Als ich aufwachte und du nicht da warst, gab ich auf. So einfach.

Meine Zeit an der Uni verbrachte ich die meiste Zeit betrunken und betäubt. Wären die Jungs nicht gewesen, hätte ich nie einen Abschluss gemacht. Ich hätte ohne sie nicht einmal das erste Semester überstanden. Erinnere mich mal dran, dass ich mich bei ihnen dafür bedanke. Ich erinnere mich kaum an diese Zeit und alles änderte sich, als Damien mich zu seiner Hochzeit einlud. Ich wusste, dass er deine Schwester heiratet. Ich habe ihn nicht einmal gefragt, warum ausgerechnet ich sein Trauzeuge sein sollte, aber mir war es so etwas von egal. Die Firma war schon im vollen Gange und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis ich dich finden würde, aber, man, ich musste zu der Hochzeit kommen. Ich musste dich wenigstens sehen, wissen, dass es dir gut geht. Dass es dir ohne mich gut geht.

Als ich mit Damian damals in die Wohnung kam, wusste ich, dass du da sein würdest. Ich hatte dich noch nicht gesehen oder gehört, aber ich wusste es einfach. Dich dann nach all den Jahren leibhaftig vor mir zu sehen, war unglaublich. Du sahst so gesund und fit aus, so wunderschön. Und du hast mich gehasst. Ich habe es in deinen Augen gesehen, du hast mich aus ganzem Herzen gehasst.

Weißt du, wie sich das anfühlt, wenn die Liebe deines Lebens dich so ansieht? Es ist vernichtend, aber da wusste ich noch nicht, durch was du alleine durch musstest.

Ich bin für jeden Zufall so unglaublich dankbar. Zufall für Zufall waren wir plötzlich wieder Bestandteil in unser beider Leben. Ich hatte meine zweite Chance und verdammt, ich würde sie nutzen. Nach und nach hast du dich mir geöffnet, bis du wieder komplett dicht gemacht hattest, nachdem ich glaubte, endlich zu dir durchgedrungen zu sein.

Und dann kam dieser Brief. Oh, wie ich dieses Stück Papier hasse. Aber hätte ich ihn nicht gefunden, wo würden wir dann heute stehen?

Mit ihm kamen die Schuldgefühle, dass ich nach meinem Unfall so schnell aufgegeben hatte. Ich habe mein Privileg als dein Peter Pan verloren. Jedes Mal, wenn du mich Alex nennst, wird mir das aufs Neue bewusst. Aber weißt du was? Das ist okay. Peter Pan ist und bleibt ein Junge und du brauchst einen Mann, der dich beschützt und dich auch unterstützt, der dich ohne Feenstaub fliegen lässt. Ich hoffe, ich kann noch für lange, sehr lange Zeit dieser Mensch für dich sein.

Ich erzähle dir das nicht alles, damit du ein schlechtes Gewissen bekommst oder Mitleidssex mit mir hast (obwohl ich da nicht wirklich was dagegen hätte), nein, ich erzähle dir das alles, weil ich keinen Augenblick, keine Sekunde anders machen würde. Diese ganze Achterbahnfahrt hat uns heute genau hier her geführt. Ich kann dir diesen Brief schreiben, im Wissen, dass wir alles überstehen können. Egal, was das Leben uns in den Weg wirft. Wir schaffen das. Du und Ich.

Und wer weiß, vielleicht wird aus dem Du und Ich irgendwann ein Du und Ich und ein Plus. Wenn nicht, ist das auch in Ordnung, weil wir zwei, wir schaffen alles.

Frohe Weihnachten, wenn du jetzt aufblickst und Tränen in den Augen hast, dann wische ich sie dir weg und du lächelst wieder, okay?

Zeit zu fliegen, Wendy.

Alex

PS: Ich habe jetzt ein besseres Gefühl für Briefe.

Meine Augen schließen sich, als ich fertig bin mit lesen und die Tränen fließen frei. Alex kniet noch immer vor mir, in der gleichen Position, als er mir den Brief überreicht hat. Seine Lippen umspielt ein sanftes Lächeln. Er legt seine warmen Hände auf mein kühles Gesicht. Mit seinen Daumen wischt er meine Wangen trocken und küsst meine Nasenspitze. Seine Lippen sind warm auf meiner Haut und ich lächle ihn sanft an.

„Ich habe übrigens gelogen“, sagt er wenig reumütig, kneift aber dennoch ein Auge zusammen.

„Wegen was genau?“, frage ich noch zurückhaltend.

„Ich habe doch ein ordentliches Geschenk für dich“, sagt er so schnell, dass ich es kaum verstehen kann.

„Aber, wir hatten doch gesagt…“, beginne ich zu protestieren, verstumme aber augenblicklich, als er aus seiner Jackentasche ein kleines rundes Etwas zieht, das im Schimmer des Mondes und der Beleuchtung funkelt und glitzert. Mein Herz setzt einen Schlag aus, bevor es wie wild flattert. Mein Blut fließt heiß durch meinen Körper und mir ist absolut nicht mehr kalt. Alex belächelt meine Sprachlosigkeit und nimmt meine linke Hand in seine. Er streift mir den Ring über, genau auf seinen rechtmäßigen Platz und er passt perfekt. Ich hebe die Hand auf Augenhöhe und betrachte mein neues Schmuckstück. Der Ring ist schmal und schlicht. Genau wie ich es bevorzuge.

„Müsstest du mir nicht noch eine Frage dazu stellen?“, wende ich mich lächelnd an ihn, als ich mich an meinem Finger satt gesehen habe. Mit dem Daumen spiele ich bereits mit dem Objekt, das unser Happy End einläutet.

„Nein“, schüttelt Alex den Kopf und ich hebe verwundert eine Augenbraue.

„Nein?“, frage ich nach und er nickt grinsend.

„Wieso sollte ich dir eine Frage stellen, zu der ich die Antwort bereits kenne?“, stellt er die entscheidende Gegenfrage und ich grinse jetzt ebenfalls über beide Ohren.

Wo er recht hat.

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