Wenn Du Bleibst – Tim & Lena

Hallo ihr Lieben,

hier ist nun die Story von Tim & Lena. Ich muss ja zugeben, dass Tim mein heimlicher Favorit aus „Flying Hearts – Rückkehr ins Nimmerland ist“. Ich habe nun mal eine Schwäche für liebenswerte Nebencharaktere <3

Tims Story steht schon lange auf Wattpad zum Lesen zur Verfügung. Jetzt habe ich es ein wenig überarbeitet und mache es hier für alle, auch Nicht-Wattpader, zugänglich.

Die Geschichte besteht mit knapp 28.500 Wörtern aus 12 Kapiteln und dem Epilog.

Seid gewarnt, es ist ohne Lektorat oder Korrektur. Es ist einfach eine nette Nebengeschichte zu Flying Hearts.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen 🙂

Claudia

 

1. Persönliche Horrorfilme

Tim

Menschenmassen meide ich gewöhnlich wie die Pest. Es wird gedrängelt und Hektik erfüllt die Luft. Viele Frauen sind in einen Topf voll Parfum gefallen und beglücken ihre Mitmenschen mit ihren Ausdünstungen. Die unterschiedlich intensiven Duftnoten prallen in geballter Ladung aufeinander. Diesen Mix an Parfum kennt jeder, aber kaum jemand ist in der Lage diesen abartigen Geruch zu beschreiben. Die Kinder sind vom ganzen Licht und Tumult überdreht und reizen die ohnehin bereits strapazierten Nerven der Eltern noch mehr. Alles bietet den perfekten Start für einen typischen Katastrophenhorrorfilm. Dennoch finde ich mich genau in diesem Szenario, inmitten einer Traube von Geschäftsleuten, Touristen, Auswanderern und meinen zwei besten Freunden, auf dem Berliner Flughafen wieder. Heute geht ihr One-Way-Flug nach London.

“Wendy-Candy, das ist nicht fair. Endlich bin ich deine Nummer Eins und du verziehst dich”, grummle ich zum wiederholten Mal, während wir an der Gepäckabgabe warten und lege meine Arme von hinten auf ihre Schultern. Ich stütze mein Kinn auf ihren Kopf. Ein letztes Mal atme ich ihren Duft ein, präge ihn mir ein. Wer weiß wann ich meine beste Freundin wieder sehe.

“Hey! Ich bin ihre Nummer Eins!”, rügt mich ihr Entführer von der Seite und gibt mir einen Klaps auf den Hinterkopf.

“Seelenverwandte gelten hier nicht, also halte dich da raus, Pan”, winke ich seinen Einwand ab. Wendy kichert unter mir und  ihre Haare kitzeln mich am Hals. Sie legt ihre Arme um mich und drückt mich heute allein zum siebzigsten Mal. Ihr fällt der Abschied ebenfalls schwer. Zumal es ein Abschied auf unbestimmte Zeit ist. Ich erwidere ihre Umarmung ebenso herzlich.

“Gott, ich werde dich so sehr  vermissen!”, ruft sie gegen mich gepresst aus. Ihre Stimme wird durch meinen Brustkorb gedämpft.

“Ja ja”, sage ich abwehrend, “ich erinnere dich noch mal dran, wenn du mir vorschwärmst, wie toll London ist.” Sie sieht aus ihren großen braunen Augen zu mir auf und trotz, dass sich ihr Traum erfüllt und sie endlich mit Pan nach London geht, stehen ihr die Tränen bis zum Anschlag. Ihr Strahlen wird dadurch keineswegs gedämpft. Sie ist glücklich. Ganz simpel. Und ich freue mich wirklich für sie. Sie ist wie die kleine Schwester, die ich nie hatte. Es war ein langer Weg, bis sie endlich wieder diese Frohnatur war. Was genau damals passiert ist, wissen nur die beiden und Jenna. Es muss kein Zuckerschlecken gewesen sein, schließlich hat sie das alles ins Krankenhaus gebracht und ist seither in Therapie. Das ist letzten Sommer passiert. Ich bin so verdammt stolz auf sie. Sie hat ihre Monster hinter sich gelassen und ist wieder die toughe Frau von früher. Sollte Pan seine zweite Chance je vergeigen, dann sollte er sich gut vor uns anderen verstecken.

Pan nimmt ihre Hand, Finger ineinander verwunden und zieht sie zu sich. Sie geht willentlich und ich verspüre wieder diesen kleinen Stich des Neides in meiner Brust. Pan gibt ihr einen Kuss auf die Schläfe und sie lehnt sich, Augen schließend, noch näher an ihn.

“Alles okay?”, fragt er sie leise, dass ich es kaum hören kann. Wendy nickt ihm lächelnd zu.

Das was die Zwei haben ist selten und ich wünschte, jeder könnte dieses Glück in seinem Leben erfahren und seinen perfekten Partner finden. Optisch gehe ich als Kinderschreck durch, auch wenn ich bezeugen kann, dass Kinder mich durchaus mögen. Meine Freunde wissen, dass meine Muskeln nur Tarnung sind und ich ein Softie durch und durch bin.

Leider haben nicht alle so viel Glück wie diese zwei vor mir. Meins lässt zumindest auf sich warten. Abgesehen davon habe ich gar keine Vorstellung wie intensiv diese Gefühle sein müssen. Pan ist an der jahrelangen Trennung der beiden fast zerbrochen, auch wenn er es heute wahrscheinlich nicht mehr zugeben würde. Wendy ging es nicht anders. Können solche extremen Emotionen überhaupt gesund sein? Lohnt sich dieser Sprung ins kalte Wasser? Wenn man nicht weiß, was die Zukunft bringt? Wenn man nicht weiß, ob alles gut endet? Ein Blick auf Pan und Wendy und ich kann diese Fragen mit einem klaren „Ja“ beantworten. Ich habe so noch nie für jemanden empfunden. Diese Zwei lassen mich hoffen, dass es auch für mich ein “und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage” gibt.

Ich verweile noch eine Weile bei meinen Freunden. Ich genieße die letzten Minuten, die mir noch bleiben. Wer weiß wann sie mal genug von der londoner Nässe haben und wieder nach Berlin zurückkehren. Als dann schließlich ihr Flug aufgerufen wird, ist es endgültig an der Zeit Lebewohl zu sagen.

“Pass auf sie auf”, trichtere ich Pan überflüssiger Weise ein. Ich meine, der Kerl würde ohne mit der Wimper zu zucken in die Hölle und zurück für Wendy gehen und dabei die ganze Zeit dabei Lächeln.

“Immer”, versichert er mir dennoch und umarmt mich kurz, gefolgt von einem Klopfen auf die Schulter.

“Und pass du auf mein Auto auf, klar? Ich will es in einem Stück wiederhaben”, erinnert er mich zum tausendsten Mal. Mit einem Kopfschütteln rolle ich meine Augen. Ich wende mich Wendy zu und diesmal rennen ihr die Krokodilstränen die Wangen herunter. Ich konnte Frauen noch nie weinen sehen, das ist sicher einer meiner größter Schwachpunkte.

“Hey, wir haben doch gesagt: Keine Tränen!”, sage ich lachend, doch meine Stimme ist ebenfalls belegt. Verabschiedungen hinterlassen immer diesen faden Beigeschmack und diese dumpfe Schwere im Magen. Jedes Mal verlässt ein Stück des eigenen Herzens die Brust und zieht mit den Liebsten in die Ferne. Ich ziehe Wendy erneut in meine Arme und ihre zarten Finger krallen sich in den Stoff meines Hoodies.

“Tut mir leid”, murmelt sie in meine Brust gedrückt. Meine Arme um sie weiten sich, als sie tief durchatmet.

“Ich werde dich vermissen”, flüstert sie nach einem kurzen Moment.

“Ich dich auch, Wendy-Candy. Los jetzt, sonst verpasst ihr euren Flieger.” Meine Hände legen sich sanft auf ihre Schultern und ich schiebe sie in Pans wartende Arme. Sie schlingt sofort einen Arm um seine Hüfte.

“Lass dich nicht von den Pärchen nerven, okay?”, fügt sie mit gerunzelter Stirn hinzu und ich schnaube.

“Ich habe jetzt himmlische Ruhe in meiner eigenen Wohnung. Mir doch egal, was sie in der WG treiben.” Mein ganzer Oberkörper erzittert unter einem kurzen Lachen, als sie ihre Nase kraus zieht.

“Urgh, jetzt habe ich Bilder im Kopf. Danke”, sagt Wendy und schüttelt sich vor Abscheu.

“Wendy. Ich habe eine Wohnung, ein Auto und einen Job. Mir geht es gut. Mehr brauche ich nicht”, versichere ich ihr. Wendy plagt seit Monaten ein schlechtes Gewissen, weil ich der Einzige ohne eine bessere Hälfte bin und sie glaubt, ich fühle mich wie das fünfte Rad am Wagen. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich ihr schon versichert habe, dass dem nicht so ist. Bei ihr treffe ich dafür auf taube Ohren.

“Timmi”, sagt sie und umarmt mich erneut fest. Es schlägt mir die Luft aus den Lungen und entlockt Pan ein Grinsen.

“Für dich gibt es auch die Eine, okay? Du musst sie nur noch finden”, flüstert sie mir ins Ohr, damit nur ich es hören kann. Meine Wendy. Sie denkt immer nur an andere.

„Das werde ich schon irgendwann, mach dir nicht so einen Kopf um mein Liebesleben“, sage ich mehr um ihren Frieden willen. Klar, es wäre schön, keine leere Wohnung, die noch immer nicht eingerichtet ist und in der noch immer Umzugskartons rumstehen, vorzufinden. Vielleicht lege ich mir eine Katze zu. Ich bin gerade mal 23. Ich habe alle Zeit der Welt jemanden zu begegnen. Meine Freunde sind geschlossen anderer Meinung. Sie haben einfaches reden.. Sie haben ja alle eine bessere Hälfte.

Ich warte noch, bis Pan und Wendy hinter der Sicherheitssperrung und aus meinem Sichtfeld verschwinden und mache mich dann auf den Weg zu dem vorübergehend in meinem Besitz befindlichen Auto.

Ich und Parkhäuser. Noch so eine Klischeeeröffnungsszene eines guten oder weniger guten Horrorstreifens. Die meisten Filme sind frei erfunden, doch in Momenten wie diesen, frage ich mich wie viel Wahrheit wohl hinter diesen kranken Geschichten steckt. Irgendwo müssen die Ideen der Drehbuchautoren schließlich herkommen. Obwohl, heutzutage reicht es ja manchmal schon die Zeitung aufzuschlagen und schon stechen einem mehrere Schlagzeilen ins Auge, die einem an der Menschheit zweifeln lassen. Kranke Gesellschaft. Manchmal sind meine Schockerfilme harmloser als die Realität.

Nächster Nachteil des Parkhauses? Ich kann mir nie merken, wo ich das Auto abstelle. Ich glaube, dass es jetzt noch schlimmer ist. Ich hatte schon lange kein Auto mehr, simpel, weil man in Berlin keins braucht.

Dieses verdammte Parkdeck ist aber auch ein Labyrinth! Ich hätte mir wenigstens die Etage merken können, aber ich werde es niemals lernen.

„Yeah!“, rufe ich aus, als das Auto sich endlich nach ewigem Suchen in meinem Blickfeld befindet.

Ich schließe es gerade auf, als ich lauten Tumult höre. Wieso habe ich vorhin so viele Horrorfilmvergleiche gezogen? Das ist so ein Klischee. Vorsichtig gehe ich um das Auto herum und lasse meinen Blick auf der Suche nach dem Ursprung des Geräusches schweifen. Mein Blick bleibt schließlich an ein paar blonden Haaren hängen, die gerade hinter einer Mauer erscheinen. Ich kann nicht erkennen ob es ein Mädchen oder eine Frau ist. Sie steht mit dem Rücken zu mir, aber so wie sie langsam und bedächtig rückwärts geht, kann es nichts Gutes bedeuten. Ihre Hände hebt sie abwehrend in die Höhe. Sie redet schnell auf jemanden ein, den ich nicht erkennen kann und auch wenn ich ihre Worte nicht verstehen kann, höre ich dennoch die Panik in ihrer Stimme. Ich bin schon auf halben Wege zu ihr, als sie mit dem Rücken gegen eine Säule stößt und ihr Fluchtweg damit abgeschnitten wird. Kurz darauf treten zwei Halbstarke hinter der Mauer hervor. Deren Kleidung steht vor Dreck und die blutunterlaufenen Augen lassen auf Junkies schließen. Sie keilen die Blondine ein. Einer der beiden beginnt sie mit einem dreckigen Grinsen im Gesicht  zu betatschen und ich setze zum Sprint an. Hoffen wir einfach, dass ich nicht Hauptdarsteller in meinem persönlichen Horrorfilm werde.

2. Persönlicher Alltag

Lena

Toll. Ganz toll.

Kann nicht ein einziges Mal etwas ohne irgendeinen Zwischenfall in meinem Leben glatt gehen? Warum ziehe ich solche Situationen immer magisch an? Was ich wohl in einem früheren Leben verbrochen habe um jetzt dermaßen bestraft zu werden?

Da habe ich mein Gepäck in weißer Voraussicht bereits gestern Abend abgegeben, damit eben nichts verloren geht und nun wird mir genau das zum Verhängnis? Ironie, beiß mich doch. Hätte ich es heute mitgebracht, wäre ich schon vor einer Stunde hier gewesen und wäre diesen Typen vielleicht nicht begegnet.

Seit ich aus dem Taxi ausgestiegen bin verfolgen sie mich. Ich hatte die Hoffnung, sie im Parkhaus abwimmelt zu können, aber abermals war das ein Denkfehler meinerseits. Mein Name steht halt nicht auf der Habenseite des Glücks. Die angsteinflößenden Männer haben mich eingepfercht, wie so ein Stück Vieh und mir schlägt das Herz bis zum Anschlag. Die Erinnerung an meinen Selbstverteidigungskurs versteckt sich mit meinem Mut und der Zuversicht hinter dem riesigen Knoten in meinem Magen. Der offensichtliche Chef der Minigang hat bereits mein Portemonnaie eingesteckt und dennoch lassen sie mich nicht in Frieden. Die Blicke der Perversen sprechen Bände und ich weiß genau was sie mit mir vor haben.

Kann eine Frau nicht in Ruhe das Land mit einem One-Way-Ticket verlassen? Ein einziges Mal? Nein? Dachte ich mir.

Langsam gehe ich einen Schritt nach dem anderen zurück und hoffe, dass sich die Möglichkeit der Flucht ergibt. Und erneut, warum mache ich mir noch gleich Hoffnungen? Ich bin kaum zwei Meter gegangen, da spüre ich die Kühle eine der vielen Säulen, die die Parkdecks stützen, in meinem Rücken. Einen Schritt mehr nach links oder rechts und ich hätte sie verpasst, hätte sie vielleicht sogar als Barriere nutzen können. Manchmal stelle ich mir vor, wie irgendjemand da oben mir alle möglichen Stolpersteine in den Weg legt, nur um einen höheren Zweck zu dienen, der sich mir noch nicht erschließt. Ich wüsste nur langsam mal gerne warum.

Die Männer keilen mich von beiden Seiten ein und eine Flucht ist sinnlos. Ich habe es so satt. Ich habe es so satt ständig das Opfer meines eigenen Lebens zu sein. Diese Wut löst eine Sperre in mir. Etwas macht Klick in meinem Kopf und jahrelang angestauter Frust entfaltet sich mit einem Schlag.

Einer der Männer erkundet meinen Körper an unangebrachten Stellen mit seinen schmierigen Händen. Die hochkommende Galle brennt bitter auf meiner Zunge. Jede Berührung fühlt sich an, als würde man ätzende Säure über meine Haut tröpfeln. Die Erinnerungen an den Ablauf einer Selbstverteidigung trauen sich endlich hervor  und mein tosendes Herz begrüß sie mit ausgiebigen Beifall.

Ich lasse meine Tasche achtlos fallen und ramme meine untere Handfläche in die Nase des Typen, der seine Hände nicht an meinem Körper hat, sondern einfach nur seinen Boss und mich beobachtet. Zufrieden mit mir selbst, spüre ich ein Knacken in seinem Gesicht.

“Hey!”, ruft es plötzlich hinter mir und ich blöde Kuh drehe mich auch noch um, anstatt meine Beine in die Hand zu nehmen. Auf uns zu kommt ein Schrank von Mann gerannt und hat einen furiosen Gesichtsausdruck. Ich hoffe inständig, dass er nicht auch noch zu den zwei Experten gehört. Dann würde es schlecht für mich aussehen.

Meine Unaufmerksamkeit nutzt Herr Meine-Nase-blutet-aber-ganz-gewaltig und holt nach mir aus. Im Versuch vor seinem Schlag zu flüchten stolpere ich über meine eigenen Beine und verliere das Gleichgewicht. Zum Glück fängt mich die Kante der Mauer an meinem Kopf auf. Der folgende Knacks geht mir auch überhaupt nicht durch Mark und Bein und den Schmerz der sich meine ganze Wirbelsäule hinab zieht ist sicher auch nur Einbildung. Ich kann mir so ziemlich jede Situation schön reden, aber als ich lauter schwarze Flecken sehe, fällt selbst mir keine passende Ausrede ein.

Ich warte auf eine weitere Attacke, aber es kommt keine. Stöhnend und in Zeitlupe lehne ich mich an die Mauer. Vorsichtig taste ich meinen Kopf ab. Kaum berühre ich die Stelle des Aufpralls, ziehe ich meine Hand zurück. Die Wunde brennt höllisch. Ich lege die Hand neben mich, denn es ist nicht nötig sie noch genauer zu betrachten. Ich weiß was diese warme, klebrige Flüssigkeit an meinen Fingern ist. Solang ich das Szenario nicht mit eigenen Augen sehe, kann ich mir einbilden, dass da kein Blut ist.

Einer der Männer schreit vor Schmerz auf und ich sehe noch, wie meine zwei Angreifer humpelnd und ebenfalls blutend das Weite suchen. Der Dritte schließt sich ihnen nicht an, sondern wendet sich suchend nach mir um.

Super, was will der jetzt? Das ich ihm vor Dank den Boden küsse auf dem er läuft? Sicher nicht. Unterm Strich wird er sicher nicht besser als alle anderen sein. Alle Männer sind triebgesteuerte Tiere. Nichts anderes.

“Hey, alles in Ordnung bei dir?”, fragt er und seine honigsüße Stimme ist wie Musik in meinen Ohren. Zu meinem Leidwesen sieht der Muskelprotz vor mir auch nicht besonders hässlich aus. In meinem Leben gibt es keinen Retter in der Not, keinen edlen Ritter in strahlender Rüstung. Deshalb ist es nur verständlich, dass ich ihm nicht gleich dankbar um den Hals falle, sondern den Haken an der ganzen Hilfsaktion suche und dieses Kribbeln in meinem Bauch komplett ignoriere. Ich sammle kurz meine Gedanken, atme noch einmal durch und sehe lächelnd zu ihm auf. Allein, dass ich lächle scheint ihn zu überrumpeln. Aber warum sollte ich nicht lächeln? Als ob es ihn wirklich interessieren würde wie es mir geht. Es wird einfach von der Gesellschaft erwartet, dass er sich nach meinem Wohlbefinden erkundigt. Sobald diese Floskeln ausgetauscht sind, geht jeder seiner Wege. So war es schon immer und so wird es auch immer sein. Jeder ist sich selbst am Nächsten.

“Jap, ich bin das blühende Leben”, antworte ich ihm und kann die kleine Note Sarkasmus einfach nicht unterdrücken.

“Wieso glaube ich dir das nur kein Stück?”, fragt er grinsend. Würde ich nicht bereits auf dem Boden sitzen, hätten meine Knie spätestens jetzt nachgegeben. Geh doch einfach weg, du überdurchschnittlich attraktiver Mann!

“Was willst du?”, frage ich genervt und stöhne wehleidig auf, als mein Kopf beginnt zu dröhnen.

“Ich habe dir geholfen, normalerweise bedankt man sich und beißt nicht die helfende Hand”, sagt er irritiert von meiner Stimmlage.

“Erstens: ich habe dich weder in die Hand, noch in irgendein anderes Körperteil gebissen. Zweitens: nur weil es erwartet wird, dass ich mich bedanke, heißt es noch lange nicht, dass ich das auch muss. Drittens: ich habe dich nicht um deine Hilfe gebeten.” Mein ungebetener Retter sieht mich halb entsetzt und halb bewundernd an.

“Du konntest deine durchaus beachtlichen Muskeln spielen lassen. Jetzt kannst du auch bitte wieder von dannen ziehen”, sage ich durch den pochenden Schmerz hindurch. Moment, habe ich den Teil mit den beachtlichen Muskeln gerade laut gesagt? Seinem zurückgekehrten Grinsen nach ja. Urgh, als ob er noch einen weiteren Egopush braucht. Unnötigerweise bahnt sich genau in diesem Moment das vorher ignorierte Blut zähflüssig seinen Weg über meine Stirn. Er streckt die Hand nach mir aus und instinktiv weiche ich zurück. Er lässt sie daraufhin ein wenig sinken und sieht mich an. Seine Augen verengen sich ein wenig, als er meine Gesichtszüge betrachtet.

“Ich will dir nicht weh tun, versprochen. Aber das sieht echt übel aus. Ich will nur wissen, ob du ins Krankenhaus musst oder ob es nur schlimmer aussieht als es ist.” Seine Stimme soll beruhigend sein, aber allein das Wort Krankenhaus versetzt mich in Angst und Schrecken.

“Ich muss nicht ins Krankenhaus”, sage ich viel zu schnell und stemme mich hoch. Beim Versuch aufzustehen versagen meine Beine kläglich.

“Nun, das lasse lieber mich beurteilen, okay?”, sagt er mit einem kleinen Schmunzeln.

“Bist du Arzt oder so etwas?”, frage ich, als er sich zu mir herunter beugt und vorsichtig meine Haare zur Seite streift.

“Nein, aber ich war in genug Kämpfe verwickelt, um zu wissen wann eine Wunde behandelt werden muss oder ob ein Pflaster und ein Kuss von Mama reicht.” Seine Stimme klingt abwesend, als er meinen Kopf von allen Seiten inspiziert. Einen Moment später zieht er zischend Luft ein.

“Ich bin übrigens Tim”, sagt er. Tim lehnt sich zurück und hockt vor mir.

“Lena”, gebe ich knapp zurück.

“Tja, Lena”, mein Name aus seinem Mund macht komische Dinge mit meinem Magen und mir gefällt das überhaupt nicht, “sieht so aus, als hättest du einen Tripp ins Krankenhaus gewonnen. Meinen Glückwunsch.”

“Oh nein, das glaube ich aber nicht.” Ich versuche erneut aufzustehen, aber scheitere abermals. Diese lustigen dunklen Flecken huschen wieder über mein Blickfeld. Meine Augen schließe ich, als sich plötzlich alles um mich zu drehen beginnt.

“Indiz zwei, dass du ins Krankenhaus musst, hast du gerade selbst entdeckt.”

Tim steht auf und widerwillig nehme ich seine helfende Hand an. Kaum, dass ich stehe, wird mir unglaublich übel und die schwarzen Punkte immer größer.

“Geht es noch?”, fragt Tim mit gerunzelter Stirn. Ich nicke ein wenig und halte meinen Mund fest geschlossen. Ich folge seiner Führung und hoffe einfach, dass er mich wirklich nur ins Krankenhaus bringt und nicht im nächsten Graben aussetzt. Es ist nicht so, dass ich mich besonders wehren könnte.

Wir kommen an einem Mülleimer vorbei und ich sehe meine Chance die Übelkeit loszuwerden. Ich entziehe Tim eilig  meine Hand. Er will protestieren, aber rudert zurück, als ich mich graziös an den Mülleimer klammere und mir mein Mittagessen noch mal durch den Kopf gehen lasse. Als ich mir sicher bin, dass nichts mehr in meinem Magen vorhanden ist, richte ich mich wieder auf, doch meine Beine wollen nicht mehr wie ich.

“Damit hätten wir Indiz drei und vier auch entdeckt.” Er tritt nah an mich heran und nimmt mich in einer flüssigen Bewegung auf die Arme. Die schnelle Bewegung ist zu viel für meinen Kopf und mir wird kurzzeitig komplett schwarz vor Augen. Unterstrichen  wird dies noch mit einem extrasüßen Wimmern meinerseits.

“Sorry”, sagt Tim sofort und versucht mich so wenig wie möglich zu bewegen.

Irgendwann erreichen wir auch sein Auto und er setzt mich auf den Beifahrersitz. Er stellt die Lehne des Sitzes etwas flacher und schnallt mich an.

Normalerweise würde ich gegen jede seiner kleinen Gesten ankämpfen. Doch mein Blut kocht nicht über, es bleibt ruhig in seiner Gegenwart.

Wie ich mein Leben kenne, werde ich dieses Vertrauen bald bittersüß bereuen.Meinen Flug aus Deutschland habe ich nun sicher auch verpasst. Der Tag könnte gar nicht typischer für mich sein.

3. Persönliche Vernehmungen

Tim

“Lena, jetzt entspann dich mal”, sage ich lachend, auch wenn die Situation alles andere als lustig ist und schüttle den Kopf.

“Aber,… der Bezug”, beginnt sie erneut zu argumentieren und versucht krampfhaft ihren Kopf vom Sitz fernzuhalten.

“Scheiß auf den Bezug. Erstens, ist es nicht mein Auto und zweitens, hat der Stoff schon Schlimmeres erlebt, als ein paar Tropfen Blut.” Ihr Gesichtsausdruck daraufhin ist unbezahlbar. Sie zieht erst ihre Stirn graus, bevor sie dann angewidert ihre Zunge rausstreckt.

“Heißt das, ich sitze in einem geklauten Auto und brauch dann erst mal eine Ganzkörperdesinfektion?“ Sie versucht so wenig als nur möglich in Kontakt mit dem gesamten Innenraum des Wagens zu kommen „Das wäre ja nur zu typisch”, setzt sie murmelnd hinterher.

“Lena!”, schimpfe ich nun etwas frustriert. ”Wie oft noch? Entspann dich.” Sie sieht immer noch wenig überzeugt aus.

“Ich bin nur der Babysitter für dieses Prunkstück und die wirklich ekligen Sachen, wie das Who-is-who des Mageninhalts 2010, haben sich alle auf der Rückbank, nach etwas übertriebenen Unipartys, ergossen. Die Polster wurden auch allesamt richtig gründlich gereinigt”, kläre ich sie auf und sie entspannt sich merklich. Ihren Kopf hält sie dennoch schwerfällig weg. Diese sture Frau! Sie hat offensichtlich große Schmerzen und sie sorgt sich um ein verdammtes Stück Stoff.

“Solltest du da nicht erst recht bestrebt sein, das Auto in seinem dir übergebenen Zustand zu belassen? Mit Kindern macht man das beim Babysitten meines Wissens nach schon so”, gibt sie mir zu bedenken und kann ein kleines Grinsen kaum unterdrücken.

“Lass Pan nur meine Sorge sein. Das hier ist ein Notfall. Wenn einer Verständnis dafür hat, dann er. Vertrau mir.” Sie sieht mich noch einen Augenblick an, bevor sie schulterzuckend seufzt.

“Okay, aber du bekommst den Ärger und bezahlst die Reinigung.” Lena lehnt ihren Kopf nun endlich mit dem Gesicht zu mir gewandt an und damit weg von ihrer Verletzung. Ich befürchtete jedoch, dass es ihr dennoch keine Erleichterung bringt und sie sich die ganze Fahrt selbst quälen wird.

“Und was ist Pan bitte für ein Name?”, nuschelt sie mit geschlossenen Augen.

“Ein Spitzname”, antworte ich geistreich und manövriere das Auto aus dem Parkhaus und fädle mich in den Straßenverkehr ein. Lena ist den restlichen Weg still. Nicht, weil uns der Gesprächsstoff ausgeht. Ehrlich gesagt, kann man sich trotz der Ausnahmesituation wirklich verdammt leicht mit ihr unterhalten. Sie ist bissig, aber dennoch zugänglich für Fragen. So einfach war es bisher nur mit Wendy.

Lena ist still, seit sie ihre Augen geschlossen hat. Sie hat immerhin einen mächtigen Schlag auf den Kopf bekommen. Die Schmerzen dazu müssen einfach penetrant sein, da hätte ich auch keine Lust zu reden. Mehrmals denke ich, dass sie das Bewusstsein verloren hat, doch zu meiner Erleichterung reagiert sie immer mit kleinen Gesten, wenn ich sie anspreche.

Schließlich erreichen wir das Klinikum und die Schwestern nehmen sich gleich unserer an, als sie das ganze Blut sehen. Nachdem Lena und ich ihnen mehrmals versichert haben, dass ich ihr diese Verletzung nicht zugefügt habe, darf ich sogar im Raum bleiben. Ich wollte eigentlich gehen, sobald ich sie sicher abgeliefert habe. Doch nicht mal die Schwester, die mich erst mal belehren muss, dass es unverantwortlich war, sie mit dieser Kopfverletzung ohne professionelle Versorgung einfach quer durch die halbe Stadt zu fahren, kann mich zum Gehen bewegen. Was mich hier hält sind Lenas Augen. Nach außen strahlt sie Ruhe aus, kooperiert mit den Schwestern und Ärzten, aber ihre Augen huschen unruhig und ohne festes Ziel durch den Raum. Die einzige Konstante ist, dass sie immer wieder die Fenster und Türen checkt, als ob sie bei der nächsten Gelegenheit flüchten will. Genau das lässt mich hier Wurzeln schlagen. Ich gehe erst, wenn ich sicher bin, dass sie die ganze medizinische Versorgung bekommen hat, die sie braucht und sie sich einigermaßen okay fühlt. Ein bereits von der Spätschicht genervter Assistenzarzt übernimmt die Wundreinigung und mir zuckt jedes Mal die Hand, wenn Lena die Lippen zurückzieht und leise vor sich hin zischt. Mit was säubert er die Platzwunde? Zitronensäure?

Irgendwann zeigt er doch Erbarmen und erklärt, dass nun alle Überbleibsel der Mauer weg sind. Lena und ich atmen gleichermaßen erleichtert aus. Nur, damit die Tutor erneut beginnt. Die Wunde muss tatsächlich genäht werden. Für das Tapen ist sie zu groß.

Lenas Augen haben die wilde Verfolgungsjagd im Zimmer beendet und sind nun auf mich fixiert. Ich traue mir noch nicht einmal zu blinzeln, aus Angst, ihre Trance zu stören und die Stiche des Arztes womöglich unnötig schmerzhafter zu gestalten. Doch wieder verzieht sie kaum eine Miene. Die Nähe zum Arzt scheint ihr das einzige Unangenehme zu sein. Selbst als Beobachter ist mir klar, dass der Idiot sich ausgiebig Zeit für die Stiche nimmt oder mit den Gedanken schon beim nächsten Patienten ist. Haben die sogenannten Helden in weiß keinen Ehrencodex oder so einen Dreck? Muss er seine Laune an einer unschuldigen Frau auslassen, die für heute schon genug Mist erlebt hat?

“Sie sollen kein Blumenmuster sticken, das ist Ihnen schon klar, oder?” Ich kann einfach nicht tatenlos zusehen, wie er seine SM-Ader an Lena auslebt. Er sieht mich verdutzt über seine Hornbrille an und langsam, wie in einem dieser japanischen Trickfilme, steigt ihm Millimeter für Millimeter die Röte ins Gesicht. Er schiebt sich die Brille wieder hoch und geht nun mit mehr Professionalität an den Job. Was ist das nur heutzutage? Dann hätte er wirklich etwas anderes lernen sollen, wenn er Menschen nicht helfen will. Als er dann auch mal fertig ist, verkrümelt er sich unter meinem missbilligenden Blick, ohne einen von uns auch nur noch ein Mal anzusehen. Sehr vertrauenswürdig, diese Ärzte. Um den ganzen noch die Krone aufzusetzen, schickt er kurze Zeit später eine Schwester vorbei, die Lena verkündet, dass sie ein paar Tage zur Beobachtung hier bleiben soll. Zur Sicherstellung, dass sie nicht mehr, als eine kleine Gehirnerschütterung hat. Diese kleine, abartige Kakerlake von Arzt. Das hat er doch nur aus Prinzip angeordnet. Auf der anderen Seite wird Lena dabei ausreichend durchgecheckt und das ist wohl genau der Zeitpunkt für mich zu gehen. Mehr wollte ich nicht. Ich wollte nur sicher stellen, dass sie in relativ guten Händen landet.

Ich nehme Lenas Tasche und ich beobachte mit einem kaum zu verbergenden Schmunzeln, wie es sie gehörig nervt, dass die Schwester sie mit einem Rollstuhl abholt. Sie holt bereits Luft zum protestieren. Die wackligen Knie von vorhin fallen mir wieder ein. Das wird wohl kaum ihr normaler Gang sein.

“Yeah! Ich wollte so ein Ding schon immer mal testen!”, rufe ich aus und drücke der verdutzten Schwester Lenas Tasche in die Hand. Ich werfe mich in den Stuhl und rolle schwungvoll an die Pritsche, auf der sie mehr liegt als sitzt. Ich klopfe auf meine Oberschenkel und Lena sieht mich an, als hätte ich den Verstand verloren. Die ältere Schwester kichert nur kopfschüttelnd und nickt mir dann dankbar zu. Sie hat den Kampf mit ihrer Patientin wohl auch bereits erahnt.

“Madame, wenn ich bitten darf. Ihre Limousine wartet”, sage ich in einem überaus schlecht gespielten britischen Akzent. Hey, ich bin hier nicht der Londonfreak. Für mich klingen dort alle wie Snobs.

“Ist das dein Ernst?”, fragt sie mich halb lachend, halb entsetzt und mit vor der Brust verschränkten Armen.

“Hab dich nicht so, ich beiße nicht”, versichere ich ihr und rolle anschaulich etwas vor und zurück. Sie sieht noch nicht überzeugt aus und die Schwester beginnt zu drängeln. Das es heut in der Notaufnahme wie im Irrenhaus zugeht, ist mir auch bereits aufgefallen. Um uns alle eine Szene zu ersparen und der armen Frau ihren Job zu erleichtern, stehe ich auf und sacke Lena unter den Knien und an den Schultern. Sie quiekt erschrocken auf. Ich ziehe sie zu mir auf den Schoß und lege ihre Arme um meinen Hals. Meine Nackenhaare sträuben sich, als ihre Finger auf meiner nackten Haut über dem Halsausschnitt meines Hoodies landen. Ihre Lippen teilen sich ebenfalls leicht vor Erstaunen. Ich grinse sie nur an, während ich befürchte, dass mein Herz gleich aus dem Brustkorb springt.

“Los geht´s”, sage ich etwas außer Atem und die Schwester hält uns die Tür auf. Die Räder lassen sich mühelos bewegen und ich folge unserer Tourleiterin durch die unendlichen Gänge des Klinikums, nur mit dem eleganten Lenken hapert es noch ein wenig. Meine kläglichen Versuche entlocken Lena wenigstens ein leichtes Kichern und ich glaube, das ist mein neues Lieblingsgeräusch. Kann eine Stimme ein Lieblingsgeräusch sein? Wenn ja, macht das süchtig?

Viel zu schnell ist unsere Reise zu Ende und wir landen in einem Mehrbettzimmer, dass optisch zum Teil belegt scheint, aber im Moment menschenleer ist. Die Schwester weißt Lena ein Bett am Fenster zu und zeigt ihr, wo sie ihre Sachen unterbringen kann. Ich helfe ihr, sich auf das Bett zu setzen und stelle ihre Tasche, die, wie mir erst jetzt bewusst wird, viel zu leicht für Reisegepäck ist, an den Schrank.

“Danke”, sagt sie müde und gähnt ausgedehnt. Ich stecke meine Hände in die Taschen meiner Jeans und Wippe wie ein kleiner Schuljunge auf meinen Fußballen vor und zurück. Ich habe keinen Grund länger hier zu bleiben, aber gehen will ich auch nicht. Warum verstehe ich selbst nicht.

“So, du hast alles? Ich kann dich wieder allein lassen?”, frage ich sie monoton. Ich kann es nicht wirklich zuordnen, da es einfach so schnell wie es da war auch wieder weg ist, doch eine Gefühlsregung huscht über ihr Gesicht, die mich erahnen oder hoffen lässt, dass dieser Abschied ihr auch surreal schwer fällt.

“Ja, Tim. Ich habe alles”, sagt sie und gleicht meiner monotonen Stimme.

“Tja dann,…” Ich trete näher an sie heran, um mich zu verabschieden, als die Tür aufgeht und eine neue Schwester, weitaus grimmiger als die Vorgängerin, hereinkommt. Hinter ihr treten zwei Männer in Uniform herein. Ich schnappe nach Luft, als sich plötzlich Lenas Hand in meine legt. Ich sehe sie erstaunt an. Nach außen ist sie ausgeglichen und ruhig, doch ihre Hand zittert in meiner merklich. Nur wegen diesen zwei Typen? Man sieht den beiden doch gleich an, dass da nur heiße Luft und nichts dahinter ist. Ich drücke ihre Hand im Versuch sie zu beruhigen und streiche leicht mit meinem Daumen über ihre verdammt weiche Haut. Sie zwingt sich durchzuatmen und hält ihre Fassade aufrecht, als die Männer an uns treten und sich vorstellen. Beide sehen missbilligend auf unsere ineinander verwundenen Hände. Was zur Hölle ist falsch am Händchen halten? Hab ich eine Gesetzesänderung verpasst, die das verbietet? Doch als sie mich dann von oben bis unten mustern und sich abgeklärt ansehen, da dämmert es mir, dass für sie der Fall schon klar ist.

“Man hat uns gerufen, da sie Opfer eines Gewaltverbrechens wurden?”, fragt einer der Polizisten und ich frage mich, wer von beiden der gute und wer der böse Cop ist. Oder gibt es das auch nur in Filmen?

“Ja, aber Tim hier hat das Schlimmste verhindert”, sagt Lena mit erstaunlich gefasster Stimme, doch ihr Griff festigt sich.

“Ist das so?”, fragt der andere Uniformträger skeptisch und notiert sich irgendeinen Nonsens.

“Ja. Er hat die zwei Männer, die mich angegriffen haben, verjagt”, sagt sie mit Nachdruck. Sie ahnt anscheinend auch, dass die zwei Staatsmänner sich ihre Meinung bereits gebildet haben. Die Polizisten sehen sich an, als ob sie die Situation weitaus besser einschätzen könnten, als das Opfer selbst.

“Sie kommen mal mit mir nach draußen”, sagt der Kleinere und zeigt dabei auf mich. Lenas Finger drohen meine zu zerquetschen, so angespannt ist sie. Ich streichle sie beruhigend mit meinem Daumen und lächle sie zuversichtlich an.

“Es ist okay. Ich bin gleich zurück, okay?”, versichere ich ihr. Ich drücke ihre Hand zögerlich und folge schließlich dem Polizisten, auch wenn ich sie nur ungern mit dem anderen Schleimbolzen alleine lasse. Ihr Blick folgt mir, bis die geschlossene Zimmertür uns trennt.

“So, jetzt erzählen Sie mir mal Ihre Version der Geschichte”, fordert er und ich bin erstaunt, dass er mir überhaupt die Chance dazu gibt. Ich habe hier in Berlin schon ganz andere Erfahrungen mit ihnen gemacht und dabei sah ich in diesen Momenten nicht mal annähernd so zugerichtet aus, wie jetzt. Während ich dem Uniformträger so sachlich wie möglich alles erzähle, triften meine Augen zu dem Fenster mir gegenüber. Mein Spiegelbild erschreckt mich selbst ein wenig. Ich habe zwar gesehen, dass etwas Blut an mit klebt, aber das Ausmaß erstaunt mich dann doch. Sogar auf meiner Wange befindet sich bereits verkrustetes Blut. Der große Fleck an meiner Schulter muss entstanden sein, als ich Lena getragen habe und sie ihren Kopf an mich gelehnt hat. Das restliche Blut stammt von den zwei feigen Typen. Der eine hat aber auch extrem aus der Nase geblutet. Lena hat ihn gut getroffen und ein stolzes Grinsen formt sich auf meinen Lippen.

Ich beende meine Geschichte und der Polizist mustert mich abschätzend einen Augenblick, bevor er seinen Stift und das Notizbuch senkt.

“Was?”, frage ich gereizt, auch wenn das in meiner Situation nicht unbedingt hilfreich sein wird.

“Dafür, dass Sie sich erst eben kennengelernt haben, sahen Sie ganz schön vertraut aus”, murmelt er, als er weitere Notizen macht. Ich antworte ihm darauf nichts, denn was soll ich auch sagen?

“Können Sie mir die Angreifer beschreiben?”, fragt er danach wieder professioneller und ich komme seiner Aufforderung nach. Er nickt, als ich fertig bin und meint, dass diese zwei Männer bereits bekannt sind und gesucht werden. Zumindest klingt es für ihn nach deren Werk und ich scheine zumindest fürs Erste aus dem Mittelpunkt der Ermittlungen gerückt zu sein. Schließlich kehren wir in das Krankenzimmer zurück und die Kollegen unterhalten sich einen Augenblick. Sie vergleichen unsere Aussagen und scheinen ihre vorgebildete Meinung zu revidieren. Sie verabschieden sich danach zügig und meiden weitgehend den Blickkontakt zu mir. Ja, keinen Grund nur ansatzweise Reue zu zeigen. Stümper.

Ich stehe neben Lena, die auf ihrem Bett sitzt. Sie lehnt ihren verbundenen Kopf an meine Schulter und hält sich die Hand vor den Mund, als sie ausgedehnt gähnt.

“Du solltest etwas schlafen”, sage ich leise. Warum ich fast flüstere, kann ich nicht erklären. Krankenhäuser haben einfach diesen Effekt auf mich. Ich habe sie zu oft von innen gesehen. Lena nickt zögernd und legt sich langsam hin. Auf Grund ihrer Verletzungen dauert es einen Moment, bis sie eine gemütliche Position gefunden hat.

Ich setze mich auf den Besucherstuhl neben ihrem Bett und warte. Kurz darauf verrät mir ihr ebenmäßiger Atem, dass sie eingeschlafen ist. Ich ertappe mich mehrmals dabei wie ich selbst weg nicke. Irgendwann kommt eine weitere Patientin ins Zimmer und erschrickt über meinen Anblick. Ja, ich sollte vielleicht aus den Klamotten raus und duschen. Ich stehe auf und strecke meine müden Glieder. Ich schaue auf Lena herab und stutze. Normalerweise sehen Menschen friedlich aus, wenn sie schlafen. Die Anspannung fällt ab, alles entspannt sich. Doch Lena sieht selbst im Tiefschlaf bereit zur Flucht aus. Ihr Körper ist verkrampft und ihre Pupillen bewegen sich gehetzt hinter ihren Lidern. So wie sie daliegt, könnte sie im Zweifelsfall in einer schnellen Bewegung aufrecht stehen. Vielleicht hat sie vorhin gar nicht die gemütlichste Position gesucht, sondern die praktischste, wenn man in Alarmbereitschaft ist.

Dennoch sieht sie aus, als würde sie noch einen Weile im Lalaland verbringen. Ich streiche ihr Haare aus dem Gesicht. Ich nehme ihre Hand in meine und genieße kurz ihre Wärme, die auf mich ausstrahlt. Ich drücke die Hand noch einmal kurz und mache mich auf den Weg nach Hause. Ich will wieder an ihrer Seite sein, wenn sie aufwacht.

4. Persönliche Nachtbesuche

Lena

Wer hat das Licht ausgemacht? War ich eben nicht noch auf den Weg zum Flughafen? Mein Körper ist von einer kratzigen Decke umhüllt und mein Kopf ruht auf einem viel zu festen Kissen. Das Bettzeug in meinem Hotel hatte ich gemütlicher in Erinnerung. Nachdenken schmerzt, doch ich bin eindeutig nicht in meinem Hotelzimmer. Also wo zur Hölle bin ich? Denk nach, Lena. Ich weiß, es ist nicht gerade deine Stärke, aber denk nach verflucht! Zuletzt bist du in Berlin angekommen, hast eingecheckt und dein Flug nach Stockholm ist auch in Sack und Tüten. Gott, ein Filmriss ist das Letzte was ich gerade brauche. Nach und nach kommen glücklicherweise immer mehr Erinnerungsfetzen zurück und mir wird klar, dass mein Flugzeug ohne mich sicher bereits weit hoch in der Luft, wenn nicht gar am Ziel gelandet, ist. Das Denken überanstrengt meinen geschundenen Kopf und das dumpfe Pochen wird immer penetranter, das Überlegen damit fast unmöglich. Schließlich gebe ich den Schlaf und das Benutzen meiner Gehirnwindungen auf. Langsam öffne ich meine Augen und finde mich in einem düsteren Zimmer wieder. Vor mir kann ich aus dem Fenster sehen und die Lichter der Stadt ausmachen. Jetzt registriere ich auch den Geruch, der mich umhüllt. Eindeutig: Krankenhaus. Ich war in genug, um diesen unterschwelligen Geruch von Desinfektionsmitteln und das rege Treiben auf den Gängen zuordnen zu können. Im Raum an sich ist es still. Entweder sind alle tot oder, was in Anbetracht der Dunkelheit wahrscheinlicher ist, schlafen. Nur gelegentlich klingt es, als würde jemand in einem Buch oder einer Zeitschrift blättern, aber ich bin mir nicht wirklich sicher. Ich mache mir nicht die Mühe, mich nach der Quelle des Geräusches zu erkundigen, denn die Verursacherin hat mich eh wieder vergessen, sobald sie oder ich entlassen werden. Warum erst die Energie verschwenden und Small Talk betreiben? Eben, es ist sinnlos.

Ich muss mich auf den Rücken drehen, da ich mich im Schlaf auf meine Platzwunde gedreht habe. Zaghaft rolle ich mich zurück und stelle mir vor, wie ich mich von außen betrachtet in Slow Motion bewege. Neben Graziös findet man im Duden sicher kein Bild von mir, so viel steht fest. Allein von dieser kleinen Bewegung wird mir übel und ich atme zunächst langsam durch, bis die Welle abebbt und ich meinen Körper einigermaßen wieder unter Kontrolle habe.

Dann fällt mir Tim ein. Mein Kopf schnellt zur Seite und der Stuhl, in dem er vorhin saß, ist leer. Die Enttäuschung darüber ist groß, aber was habe ich auch erwartet? Ich bin ja doch nur eine Fremde für ihn. Er war der erste freundliche Mensch seit langem in meinem Leben, vielleicht fühle ich deshalb so. Er wollte sich schließlich gerade verabschieden, als die Polizei kam. Oh Gott, und ich habe mich wie ein kleines Mädchen an ihn gekrallt. Kein Wunder, dass er bei der nächstbesten Gelegenheit das Weite sucht. Ich bin halt eine Last. Meine eigene Mutter hat das oft genug zu mir gesagt. Sie muss Recht damit haben, sonst wäre ich jetzt sicher nicht in einer fremden Stadt komplett allein auf mich gestellt. Ich gönne mir einen schwachen Moment und lasse die Tränen frei und stumm fließen. Nur fünf Minuten Schwäche zeigen, dann bin ich wieder ein großes Mädchen und überlege mir wie es weiter geht. Ich habe bisher immer einen Weg gefunden und lasse mich auch weiterhin nicht von meinem eigenen Leben fertig machen. Nur habe ich sonst bei meiner Entscheidungsfindung einen großen Becher Vanilleeis zur Seite stehen und rappe mir zu einer meiner Lieblingsalben den Frust von der Seele. Ich bezweifle jedoch stark, dass ich das hier ohne Zwangseinweisung in die Geschlossene durchziehen kann.

Die Tür öffnet sich leise und ich lege den Arm über meine verquollenen Augen und stelle mich tot. Bei meinem Glück blutet mein Gehirn in diesen Moment eh aus und aus gespielt wird bald Realität. Das klingt makaber, ist für mich aber nicht unwahrscheinlich. Sollte einer in meiner Krankenkasse mal meine Akte durchforsten, wundert er sich sicher, wie ich es geschafft habe meinen einundzwanzigsten Geburtstag in einem Stück zu feiern. Ich ziehe das Unglück magisch an.

“Lena?”, flüstert Tim auf einmal dicht neben meinem Ohr und reißt mich aus meinen Gedanken.

“Huh? Was machst du denn hier?”, frage ich völlig perplex. Tim richtet sich wieder auf und sieht mit hochgezogener Augenbraue an sich hinab. Er breitet seine Arme leicht aus und zeigt mit seinen Daumen auf sich.

“Ich musste mich doch umziehen und das Blut von diesen Idioten abwaschen. Ich kann schlecht so rumrennen, oder?”, sagt er, als wäre es das logischste der Welt.

“Ähm, ja schon”, das Argument hat schon was, “aber das erklär…” Ich will ihn fragen, warum er wieder gekommen ist, nicht warum er sich umgezogen hat. Doch Tim fällt mir mit einer Gegenfrage ins Wort.

“Hast du geweint? Hast du Schmerzen?”, fragt er und lenkt davon ab, dass er meine Frage nicht beantwortet hat. Ich sehe schnell in die andere Richtung, was sich als Fehler herausstellt, als ich diesen blitzartigen Stich in meinem Kopf spüre und das kleine süße Wimmern gar nicht verhindern kann.

“Soll ich eine Schwester rufen? Die müssen dir doch irgendwelche Schmerzmittel geben können?!” Er hat die Hand schon über den Knopf, der einen Alarm im Schwesternzimmer auslöst.

“Nein, ich hab mich nur zu schnell bewegt. Kein Grund die Frauen unnötig zu belasten.” Tim nimmt die Hand zurück und verschränkt seine Arme vor der Brust. Er sieht mich skeptisch an.

“Das ist ihr verdammter Job, keine Belastung. Sie werden bezahlt, damit sie dir helfen.” Er zieht die Augenbraue hoch, als ob er es gar nicht glauben kann, mir dies wirklich gerade erklären zu müssen. Wir liefern uns ein kleines Starrduell, was ich schließlich seufzend aufgebe. Mein Kopf fühlt sich wirklich an, als hätte jemand seine Axt darin vergessen und das Ding eitert jetzt hässlich raus. Nebeneffekt: Tim glaubt, meine Tränen kommen von den Schmerzen und nicht von meinem Selbstmitleid, weil er nicht da war, als ich aufwachte. Ja, das ist allemal besser.

“Fein, ruf halt eine Schwester. Wenn der Drachen von vorhin rein kommt, stehst du aber dafür grade.” Jetzt sieht er leicht betreten zur Seite.

“Was?”, frage ich mit zusammengekniffenen Augen. Tim legt seinen Kopf schief und grinst wie ein kleiner Junge, den man beim Süßigkeitenklau erwischt hat. Er kratzt sich verlegen den Hinterkopf.

“Ähm… es wäre glaube ich besser, wenn die Schwester mich nicht sieht. Es könnte sein, dass ich mich unter dem Fenster des Schwesternzimmers lang geschlichen habe. Es sind nicht wirklich mehr Besuchszeiten”, murmelt er. Das macht mich dann doch stutzig.

“Wie spät ist es eigentlich?”, frage ich vorsichtshalber nach.

“Halb eins?”, sagt er und kneift ein Auge zusammen und geht halb in Deckung. Klar, weil ich 1,58 m – Riese diesen Muskelberg von Mann und mit meinem Handicap, im Schlaf niederstrecken kann. Jap, das ist mein geheimes Hobby. Warum riskiert er aber Ärger mit dem Pflegepersonal? Für mich? Wir kennen uns doch überhaupt nicht. Doch ich bin so froh über seine Gesellschaft, dass ich seine Beweggründe nicht in Frage stelle. Mir fällt meine Zimmergenossin ein und mit einem prüfenden Blick, sehe ich eine zusammengesunkene Person im Bett schräg gegenüber liegen. Das Buch, was sie vorhin noch gelesen haben muss, liegt auf ihrem Bauch. Sie schläft tief und fest.

“Okay”, sage ich und mache eine kurze Pause, da der Schmerz mir erneute Tränen in die Augen treibt. “Versteck dich im Bad und ich ruf jemanden.” Tim sieht erleichtert aus, dass ich doch nachgebe und er salutiert vor mir. Bevor er sich zum Gehen abwendet, grinst er mich an und drückt den Notknopf über mir.

“Ah, ich wollte so ein Ding schon immer mal drücken”, erklärt er begeistert und flüchtet ins Bad. Ich habe gar keine Zeit, mich über seinen Krankenhausfetish zu wundern, ich meine, erst der Rollstuhl, jetzt der Knopf, da kommt auch tatsächlich bereits eine Schwester. Sie sieht selbst müde, aber freundlich aus. Sonst bekomme ich wirklich nur die Drachen ab. Seit wann habe ich so etwas wie… Glück? Das Wort fühlt sich so fremd in meinen Gedanken an. Sie erkundigt sich, was ich benötige und ich erkläre ihr, dass ich unglaubliche Kopfschmerzen habe. Gerade als sie mir erklärt, dass sie in meiner Akte nachsehen muss, welche Medikamente ich bekommen darf, steckt Tim den Kopf durch die Tür und zieht Grimassen hinter dem Rücken der Schwester. Nur mühsam kann ich mir ein Lachen verkneifen. Die Frau vor mir sieht mich mit gerunzelter Stirn an und folgt schließlich meinem Blick. Gerade so bekommt er die Tür vom Bad noch geschlossen und bleibt unentdeckt. Er spielt hier mit dem Feuer. Er kann auch gleich ein Neonschild aufstellen, auf dem steht: “Verbotener Gast hier drin” Diskretion ist anscheinend voll Tims Ding.

“Okay, ich bin gleich zurück”, sagt die Schwester langsam und schüttelt leicht den Kopf. Beim Rausgehen murmelt sie etwas vor sich hin und kratzt sich im Nacken. Wahrscheinlich denkt das arme überarbeitete Ding, dass sie verrückt wird.

Tim öffnet die Tür und lehnt sich lässig mit einem fetten Grinsen im Gesicht an den Türrahmen.

“Sie war doch ganz nett”, sagt er und nickt in Richtung Ausgangstür.

“Die arme Frau hat dank dir jetzt Halluzinationen. Ja, sehr nett”, erwidere ich und er zuckt nicht ganz so unschuldig mit den Schultern. Er verschwindet wieder hinter der Tür, als meine Tabletten gebracht werden.

“Ich hoffe es schlägt an. Wenn nicht, klingeln Sie nach mir oder schicken den Herren aus Ihrem Bad vorbei”, sagt die Schwester im Rausgehen gähnend. Tim und ich sehen uns, als er wieder heraus kommt und sich auf den Stuhl neben meinem Bett setzt, erstaunt an. Im nächsten Moment fallen wir beide in Gelächter.

“Schch”, mahne ich kichernd und deute auf meine Zimmergenossin. Tim nickt, aber kann sich nur schwer kontrollieren. Nachdem wir uns beide langsam beruhigt haben, nehme ich die Schmerztablette. Der Lachflash war für meinen Kopf nicht förderlich und ich habe das Gefühl, dass mein Gehirn versucht aus meinem Schädel zu flüchten. Hm, das ist selbst für mich ein Rekord auf der Schmerzskala.

“Soooo”, beginnt Tim. Er lehnt lässig im Stuhl, obwohl ich stark bezweifle, dass er gemütlich ist. Mit seinen Fingern pocht er in einem bestimmten Rhythmus auf der Stuhllehne.

“Du solltest vielleicht etwas schlafen, oder?”, fragt er mich unsicher. Ich bin müde, sehr sogar, aber ich kämpfe dagegen an. Warum weiß ich selbst nicht so richtig.

“Ich schlafe aber immer so schlecht in Krankenhäusern”, gebe ich zu. Es ist die Wahrheit.

“Du klingst ja, als ob du Dauergast hier bist”, sagt er mit gerunzelter Stirn und hört sogar auf mit den Fingern zu spielen. Ich zucke zur Antwort nur vage mit den Schultern.

“Vielleicht”, entgegne ich en wenig gereizt. Ich mag das Thema nicht.

“Zumindest bin ich das erste Mal in Berlin in einem Krankenhaus”, sage ich nach einer kurzen Überlegung.

“Das erste Mal hier? Führst du etwa eine Liste, in welchen Städten du schon in Behandlung warst?”, fragt er scherzhaft.

“Ähm, vielleicht”, sage ich ernst und er zieht eine Augenbraue hoch, als wäre er nicht sicher, ob ich scherze oder die blutige Wahrheit ausspreche.

“Das ist nicht dein Ernst, oder?”, fragt er schließlich mit zusammengekniffenen Augen nach. Mir gefällt die Richtung überhaupt nicht in die sich unser Gespräch entwickelt. Ich mag froh über seine Gesellschaft sein, deshalb erzähle ich ihm noch lange nicht meine Lebensgeschichte. Das würde auch sicher viel zu viel Zeit in Anspruch nehmen und ich bin mir fast sicher, Tim hat noch ein eigenes Leben, dass ihn gern zurück hätte.

“Tim”, seufze ich, “warum bist du zurück gekommen?” Allmählich klärt sich der Schleier in meinem Kopf. Anscheinend machen die Tabletten tatsächlich ihren Job. Wow, eine Nachtschicht, die mir mal die richtigen Tabletten gebracht hat. Rekord.

“Warum weichst du meinen Fragen aus?”, fragt er mich noch immer skeptisch. Ich versuche seinen Gesichtsausdruck zu spiegeln, doch die Kombination frisch genähte Narbe, Übermüdung und Scheiß-die-Wand-an-starke Schmerztabletten lassen nur eine verschrobene Fratze zu.

“Ich könnte dich das Selbe fragen”, erwidere ich dennoch. Tim lehnt sich mit verschränkten Armen in seinem Stuhl zurück und gerade als ich glaube, dass ihm bewusst wird, was für eine Verschwendung seiner Zeit ich bin, erhellt sich sein Gesicht. Er zeigt mit einem Finger auf mich.

“Was ist deine Lieblingsfarbe?”, fragt er plötzlich.

“Grün”, antworte ich ohne Umschweife.

“Interessant”, sagt er und legt seine Hand auf seinen Oberschenkel.

“Was ist so interessant daran, dass ich grün mag? Sag nicht, du bist so ein Esoteriker oder wie auch immer die heißen, die von Lieblingsfarben auf Charaktereigenschaften schließen, oder?” Ich habe ja lange auf den Haken an ihm gewartet. Tim ist viel zu freundlich um wahr zu sein, zumindest nach meinem Erfahrungsschatz. Er musste ja eine an der Klatsche haben.

“Deine Lieblingsfarbe könnte neonröhrenweis sein und ich hätte keinen blassen Schimmer was das über dich aussagt. Interessant ist, dass du durchaus in der Lage bist Fragen zu beantworten”, erklärt er schmunzelnd.

“Bei dir habe ich da so meine Zweifel”, murmle ich.

Wir unterhalten uns noch eine Weile, ohne wirklich etwas über den anderen zu erfahren, bis ich in meinem Bett einschlafe und Tim sich auf das freie Bett neben mich legt. Wie selbstverständlich weicht er den ganzen nächsten Tag nicht von meiner Seite. Er begleitet mich zu jedem Test, den der Psychoarzt von der Notaufnahme angeordnet hat. Ich schwanke zwischen Erleichterung, dass irgendjemand dabei ist und ich hier nicht alleine durch die Flure tigern muss und Skepsis, ob ich mir hier nicht vielleicht gerade einen Stalker anlache. Das wird mir wohl leider nur die Zeit zeigen.

5. Persönlicher Rettungsanker

Lena

„Also“, schließt der Mediziner seinen Vortrag zur Visite ab, „steht Ihrer Entlassung nichts mehr im Wege. Vorausgesetzt, Sie schonen sich.“ Bei seinem letzten Kommentar schaut er über seine Brille und väterliche Autorität strahlt aus jeder Pore seines Seins. Zumindest vermute ich, dass es das ist. Es ist ja nicht so, als ob ich meinen Erzeuger genug um mich gehabt hätte, damit ich so etwas richtig beurteilen könnte. Wer weiß, wie viel verkorkster mein Leben sonst wäre, wenn er an meinem Dasein interessiert gewesen wäre. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es auch nur im Geringsten einfacher verlaufen wäre. Der Typ war mit meiner Mutter freiwillig im Bett, wie weit kann es da mit seinem Verstand schon sein? Und dem Umstand geschuldet, dass meine Mutter nach diesem Mann das Ufer gewechselt hat, ist mein Verlangen nach einer Vaterfigur sehr begrenzt. Doch die Freundin meiner Mutter ist toll. Seit sie zusammen sind geht es ihr so viel besser, als sie es unter meiner Obhut je war. Es hätte alles viel schlimmer kommen können. Das sollte ich mir auf ein Shirt drucken lassen: Es hätte alles viel schlimmer kommen können. Klar, ich sitze in einem Krankenhausbett, kann wegen meiner frischen Narbe meine Haare nicht richtig waschen und bin praktisch Obdachlos sobald ich entlassen werde. Doch es hätte immer schlimmer kommen können. Ich habe mich schon aus auswegloseren Situationen heraus manövriert. Mein sturer Kopf gibt erst auf, wenn ich meinen letzten Atemzug mache und selbst dann plane ich mit einem Paukenschlag zu gehen. Denn seien wir mal ehrlich, bei meiner Unfallstatistik hält sich die Wahrscheinlichkeit in Grenzen, dass ich mein Rentenalter je erreichen werde. Daher lebe ich jeden Tag so wie ich will.

„Ach, haben Sie noch eine gültige Adresse in Deutschland? Soweit ich mich erinnere, wollten Sie doch Auswandern“, fragt er weiter, obwohl er meine Akte schon zugeklappt hat. Meine Augen schließend atme ich den lebensnotwendigen Sauerstoff durch meine Nase ein. Meine Nasenflügel flattern sogar leicht. Zwei Tage sperren die mich hier ein und wenn er sagt, dass ich gehen kann, beginnt er mich mit Small Talk zu belagern? Schon beim MRT Scan hat er mir vorgeschwärmt, wie toll er doch Stockholm findet und das es ihn fasziniert, dass ein junger Mensch wie ich dort hin auswandert. Wenn er meinen Grund wüsste, würde ihm vor Faszination sicher einer Abgehen. Ärzte. Betreiben immer und überall Feldstudien.

„Nein. Wieso?“, frage ich gespielt überfreundlich. Tim vertuscht sein Lachen über meinem Tonfall hinter einem Husten.

„Ich muss Ihnen noch ihre Unterlagen geben, aber heute schaffe ich das nicht mehr und ich will Sie junges Ding hier nicht unnötig aufhalten… wenn Sie doch sicher Besseres zu tun haben“, fügt er mit einem Seitenblick auf Tim schmunzelnd hinzu. Dieser verschluckt sich an seiner eigenen Spucke. Ein gemeiner Reizhusten sucht ihn heim. Mich lässt die Unterstellung des Arztes lediglich kalt. Ich bin es gewohnt, dass mir Dinge angedichtet werden, die weit entfernt von jeglicher Realität liegen. Sobald ich einen Fuß aus diesem Gebäude setze trennen sich unsere Wege. Wir haben diese Vereinbarung nie laut ausgesprochen, doch ist uns das immer klar gewesen. Es waren zwei wirklich amüsante Tage mit Tim, aber wir haben nie über meine Entlassung hinaus geplant. Ich schmunzle nun doch, als Tim sich anscheinend gar nicht mehr ein bekommt und meine Wasserflasche von meinem Nachttisch nimmt und in einem Zug leert.

„Meine Mutter wohnt in Hamburg. Sie können ihr alles schicken.“ Der Arzt notiert sich die Adresse.

„Und das Schonen beinhaltet auch ein Flugverbot für Sie, wenigstens noch eine Woche. Der Druck ist für Ihren Kopf nicht gut.“ Und da flieht er winkend aus dem Zimmer, mein Plan. Eigentlich wollte ich gleich zum Flughafen und sehen, wann der nächste Flug geht.

„Mindestens eine Woche“, sagt der Mann in weiß noch einmal bestimmter, als er mein entsetztes Gesicht sieht. Ich nicke nur, mein Mund steht ungläubig offen. Nach einer kurzen Verabschiedung lässt er mich und Tim allein zurück. Meine Zimmergenossin hat von unserem Gekicher und witzeln irgendwann im Laufe des ersten Tages das Weite gesucht und kommt eigentlich nur zum Essen und Schlafen ins Zimmer.

„Hamburg, hm?“, fragt er mit kratziger Stimme. Sein Hustenanfall hat Spuren hinterlassen. Tim ist puterrot im Gesicht und seine Augen sind ganz glasig.

„Jap“, sage ich und beginne meine wenigen Sachen zusammen zu suchen.

„Stockholm, hm?“, fragt er weiter.

„Jap“, seufze ich. Wir haben über zwei Tage miteinander verbracht und dennoch weiß er praktisch nichts von mir. Ich habe dieses Spiel echt gemeistert. Von außen betrachtet hätte ich vielleicht sogar Selbstmitleid mit mir.

„Zu viele Fragen?“, schmunzelt er.

„Jap“, antworte ich und lächle in mich hinein.

„Okay, aber warum?“, fragt er ehrlich interessiert und lässt sich auf mein frisch gemachtes Bett fallen.

„Was warum?“, frage ich und stopfe mein vom Angriff ruiniertes Shirt in meine Tasche.

„Warum Stockholm? Sind die Männer dort so besonders?“, fragt er weiter.

„Was? Nein…oder besser, keine Ahnung.“

„Warum dann?“, forscht er weiter nach. Seufzend sehe ich auf.

„Du gibst keine Ruhe, oder?“

„Nein“, sagt er grinsend und verschränkt die Arme unter dem Kopf. Er füllt das komplette Bett aus.

„Okay“, beginne ich und er horcht gespannt auf, „aber nur wenn du mir verrätst, warum du die letzten Tage deine Zeit mit mir verschwendet hast.“

„Ich habe meine Zeit nicht verschwendet“, entrüstet er sich.

„Haben wir einen Deal oder nicht, Mr Hulk?“, frage ich, mit hochgezogener Augenbraue. Irgendwann die letzten Tage habe ich ihm diesen durchaus passenden Spitznamen verpasst. Tim überlegt einen Moment.

„Deal“, sagt er schließlich.

„Okay, ich will nach Stockholm, da dort weltweit die Kriminalitätsrate am geringsten ist“, beantworte ich ihm seine Frage. Er sagt nichts. Überhaupt nichts. Tim starrt mich nur an.

„Das ist dein Grund?“, fragt er schließlich und sieht mich mit erhobener Augenbraue an. Nachdem ich bestätigend nicke und er merkt, dass ich es durchaus ernst meine, sieht man seine Gehirnwindungen auf Hochtouren arbeiten.

„Und was reizt dich daran so?“, fragt er, da er mein Ziel anscheinend noch immer nicht verstehen kann. „Willst du die Rate in die Höhe treiben?“, fragt er schließlich ganz plump.

„Nein“, antworte ich lachend, füge nach kurzer Überlegung jedoch hinzu: „Zumindest nicht mit Absicht, aber meine bloße Anwesenheit wird die eine oder andere Statistik sicher etwas ins Negative korrigieren.“ Ob man des Landes verwiesen werden kann, da man das Land in der Statistik schlechter dastehen lässt? Das habe ich noch gar nicht bedacht.

„Glaube nur der Statistik, die du selbst gefälscht hast“, murmelt Tim grinsend.

„So, nun bist du dran“, erinnere ich ihn an seinen Teil des Deals und sein Grinsen ist sofort verschwunden.

„Also“, druckst er herum, „ich weiß es nicht.“ Ich kneife meine Augen zusammen und verschränke die Arme vor der Brust.

„Wie, du weißt es nicht?“, frage ich vorsichtig.

„Das bedeutet, dass ich es nicht weiß, okay? Es fühlte sich einfach richtig an, dich hier nicht allein zu lassen.“ Er weicht meinen Blick aus, bevor ich die Ehrlichkeit in seinen Augen sehen kann.

„Okay“, sage ich gedehnt. Tim hat doch eine Schraube locker oder ich sollte die Stalker Theorie doch noch nicht so schnell vergessen.

Ich spüre seinen Blick auf mir ruhen, als ich meine restlichen Sachen packe.

„Du planst aber nicht in diesem Outfit raus zu gehen, oder?“ Seine Augen wandern das dünne Hemdchen ab. Das Krankenhaus hatte nichts anderes zur Verfügung und meine Sachen liegen irgendwo im Flughafen in Stockholm.

„Was bleibt mir anderes übrig? Meine Jacke und mein Shirt sind ruiniert und zerfetzt. Wenn ich mit den blutverschmierten Sachen rumlaufe kommt doch gleich die Polizei angerannt.“ Ich stemme meine Hand in die Hüfte und sehe ihn herausfordern an.

„Vielleicht. Aber das Hemdchen macht es auch nicht besser. Du siehst dann aus, als wärest du aus einem Klinikum geflohen“, hält er dagegen. Mist, sein Argument hat was.

„Dann erhelle mich. Was soll ich deiner Meinung nach machen?“, frage ich genervt. Tim amüsiert sich mit einem breiten Grinsen über meinen Tonfall.

„Ich kann auch keine Klamotten herzaub… Moment!“ Tim springt vom Bett auf und läuft an mir vorbei.

„Nicht weg laufen. Ich bin gleich wieder da!“, ruft er über seine Schulter und schließt die Zimmertür, mich ganz verdattert zurück lassend.

„Okay, er ist überhaupt nicht merkwürdig“, murmle ich vor mich hin und ordne das Bett, was Tim so verwüstet hinterlassen hat.

„Ich bin da! Ich bin da!“, ruft er gehetzt, als er fast dreißig Minuten später durch die Tür stolpert. Er hat eine Ledersporttasche um geschultert, die er vorher noch nicht hatte. Mit großen Schritten durchquert er den Raum und setzt die Tasche auf das frisch gemachte Bett. Zähneknirschend beobachte ich ihn, wie er wirklich äußerst zerknitterte Sachen herauszieht. Ich kann nicht wirklich ausmachen, um was es sich dabei handelt, da es ein einziger Stoffklumpen ist.

„Tadaaaaaaa, die Lösung deines Problems“, sagt er freudestrahlend und ich habe nur Mitleid mit ihm. Was soll ich mit dreckiger Wäsche?

„Wie soll mir deine Schmutzwäsche hier helfen?“, frage ich mit verschränkten Armen. Ich bin noch immer angepisst, dass er das Bett gleich wieder durcheinander bringen musste.

„Hey, es sieht zugegeben nicht so aus, aber die Wäsche ist frisch gewaschen.“ Er trennt das Wirrwarr an Stoff und enthüllt ein Shirt, mit der Aufschrift „I do it better“, und einen schwarzen Hoddie. Beides in jeder Faser zerknittert.

„Das sind meine Sportsachen. Ich hatte die Tasche noch im Auto. Bevor wir uns begegnet sind, wollte ich auf dem Heimweg eigentlich im Studio einen Zwischenstopp machen“, erklärt er mir.

„Hm, ich wäre nie im Leben auf die Idee gekommen, dass du Sport treibst“, sage ich trocken. Tim lacht auf und streicht die Klamotten glatt.

„Du kannst sie anziehen. Sicher, sie sind dir viel zu groß, aber immer noch besser, als deine Alternativen.“ Er zeigt unnötigerweise mit den Finger auf mein heißes Outfit.

„Und wie soll ich die dir wiedergeben?“, frage ich und beiße mir leicht auf die Unterlippe. Wenn es etwas gibt, was ich abgrundtief hasse, dann ist es in jemandes Schuld zu stehen.

„Gar nicht. Lena, ich habe genug Trainingssachen. Du machst dir über alles immer so viele Gedanken. Entspann dich.“

„Ich bin entspannt“, sage ich sichtlich nicht entspannt.

“Ja, so tiefenentspannt, wie mit Hannibal Lektor im selben Raum und du stellst fest, dass er weder Maulkorb, noch Handschellen trägt”, lacht er. „Dann zieh es doch einfach an, wenn du das so locker siehst“, versucht er mich zu locken und was soll ich sagen? Es funktioniert. Ich stecke ihm meine Zunge raus und schnappe mir das Shirt. Ich verschließe die Badtür hinter mir und wechsle das Hemdchen gegen das weiche Shirt. Schon beim Überstreifen merke ich, dass es mindestens fünf Nummern zu groß ist. Allein das belustigt mich ungemein, aber dann sehe ich in den Spiegel und mich hält nichts mehr. Das ganze Bad wird durch mein schallendes Lachen gefüllt. Das Shirt sieht wie ein Zelt an mir aus. Es reicht mir bis weit über die Knie und ich passe mindestens noch zwei Mal rein. Ich sehe einfach nur lächerlich aus, wie ein Zwerg im Riesenland.

„Alles in Ordnung da drin?“, fragt Tim durch die Tür.

„Ja. Moment!“, rufe ich und atme durch, bis mein Lachen nur noch ein Kichern ist. Irgendwann schaffe ich es auch, dass meine Hand nicht mehr so zittert und ich die Badtür entriegeln kann. Tim wartet bereits ungeduldig, mit vor der Brust verschränkten Armen. Wie er so da steht, sieht es so aus, als wäre er mein Bodyguard und würde Wache stehen. Der Gedanke lässt einen erneuten Lachanfall über mir hereinbrechen.

“Klärst du mich bitte auf? Sonst rufe ich doch die Leute von der Geschlossenen.” Mein Lachen scheint ansteckend zu sein. Obwohl Tim nicht weiß, warum ich lache, beben seine Schultern von einem unterdrückten Lachen. Ich trete nun vollends aus dem Bad und drehe mich in einer Pirouette vor ihm. Die Bewegung plustert das Oberteil auf und ich sehe aus wie ein Michelinmännlein. Nun schüttelt auch er sich endlich. Das ist ein schöner Abschluss, eine schöne Verabschiedung. Ich bin eigentlich sehr schlecht in solchen Dingen. Mittendrin in unserem Gelächter steckt eine Schwester den Kopf zur Tür herein. Sie sagt, dass ich nun gehen kann. Danach ist uns beiden nicht mehr zum Lachen. An die Seite des Shirts mache ich einen Knoten, damit wenigstens ansatzweise eine Form drin ist. Ich sehe mich ein letztes Mal um, damit ich auch wirklich nichts zurück lasse und greife nach meiner Tasche, die Tim mir aber gleich abnimmt.

“Das war es jetzt endgültig, oder?” fragt er mit einem Lächeln, dass seine Augen nicht erreicht. Er hält mir die Tür auf, damit ich vor ihm durchgehen kann. Mein Herz versucht meine Beine anzuwurzeln, doch mein Verstand ist stärker.

“Jap, von hier geht jeder wieder in seinen Alltag zurück”, bestätige ich ihn und mein Herz sinkt.

“Wohin gehst du jetzt, wo du doch noch nicht fliegen darfst?”, fragt er, als er mir folgt. Ich zucke mit den Schultern.

“Ins Hotel, vermutlich.”

“Vermutlich?”, fragt er. “Du könntest auch bei mir…”, murmelt er nun neben mir.

“Nein”, sage ich bestimmt. Sein Angebot in allen Ehren, aber Tim ist mir völlig fremd. Woher soll ich wissen, ob er nicht vielleicht ein Kerkerverlies im Keller hat und ich es mal ausprobieren soll. Nein, danke. Mein Glück hat sich über die letzten Tage sicher aufgebraucht.

“Okay”, sagt er fast ein bisschen enttäuscht.

Die Verabschiedung vor dem Taxistand ist merkwürdig und steif. Ich will ihm die Hand zum Abschied reichen, aber er zieht mich in eine Umarmung und wir enden in einem komischen Knoten. Die leichte Unbefangenheit der letzten Tage ist komplett verflogen.

“Hier, vermutlich werde ich auf alle Zeit auf deinen Anruf warten, aber…hier”, sagt Tim hastig und drückt mir eine Visitenkarte in die Hand. Darauf stehen sein Name und seine Mobilnummer unter einem Firmenlogo. Anscheinend macht er irgendwas mit Büchern. Er hat Recht, ich werde diese Nummer nie wählen, aber ist dieses Stück Papier ein schönes Andenken an die ruhigen Tage mit ihm. Unsere Wege trennen sich endgültig als ich ins Taxi einsteige. Ich nenne dem Taxifahrer den Namen meines letzten Hotels. Tim sieht den Auto hinterher. Eine Hand hat er in die Gesäßtasche seiner Hose geschoben, mit der anderen winkt er einen letzten Gruß in meine Richtung. Ich beobachte Tim, bis ich ihn nicht mehr sehen kann.

Ich hänge meinen Gedanken so nach, dass ich gar nicht merke, wie schnell die Fahrt vorüber ist. Erst als der Taxifahrer sich zu mir dreht und mich laut anspricht reagiere ich.

“Das macht 32,50 €”, sagt er kopfschüttelnd und dreht sich wieder um. Ich suche in meiner Tasche nach meinem Portemonnaie, bis ich auf den Boden stoße. Shit. Die Börse mit meinen Geldkarten und Bargeld haben mir die Typen am Flughafen abgenommen. Ich habe nur noch meinen Ausweis, Reisepass und Krankenkarte. Wie konnte ich das nur vergessen?

“Probleme?”, fragt der Fahrer alarmiert, als er meinen panischen Blick auffängt.

“Ja”, sage ich zögerlich. Lügen würde mich im Moment auch nicht weiter bringen. “Aber ich kümmere mich drum! Sie bekommen ihr Geld!”, sage ich hastig, als die Schlagader an seiner Schläfe bedrohlich beginnt hervorzutreten.

So und wie kümmere ich mich jetzt drum? Ich kenne niemanden hier. Ich kann nirgends Geld abheben. Kurz: Ich bin so richtig schön angearscht. Ich überlege angestrengt, wie ich mich nun wieder rausmanövrieren könnte und atme durch seine Klamotten Tims Duft ein. Die Visitenkarte in meiner Jeanstasche wiegt plötzlich Tonnen und ich ziehe sie schnell hervor. Mein Herz pocht wie wild, als ich die fremde Zahlenkombination in mein Handy eintippe und halte die Luft an, als die Verbindung aufgebaut wird.

„Na, vermisst du mich schon?“, antwortet er, nach dem dritten Klingeln und ich sehe genau sein verspieltes Grinsen vor mir.

„Was, wenn jetzt dein Steuerberater dran gewesen wäre?“, frage ich entsetzt.

„Seine Nummer ist eingespeichert, die hätte es angezeigt“, antwortet er lässig. Als ich nicht gleich weiter spreche, beginnt der Taxifahrer ungeduldig auf seinem Lenkrad zu trommeln. Wäre er mal Schlagzeuger geworden, da müsste er sich jetzt nicht mit mir rumschlagen. Denn Rhythmus hat er in den Fingern.

„Lena, was ist los? Eigentlich hattest du deutlich gemacht, dass du mich nie anrufen wirst“, sagt er gerade heraus.

„Du Tim, weißt du, was mir eben aufgefallen ist, als das Taxi vor meinem Hotel hielt?“, frage ich, mit einer aufgeregten Barbiestimme. Tim lacht am anderen Ende darüber.

„Das du das Angebot des unwiderstehlich heißen Typen doch hättest annehmen sollen?“, raunt er gespielt verführerisch in den Hörer und ich weiß, dass er jetzt mit seinen Augenbrauen wackelt.

„Welcher unwiderstehliche Typ?“, frage ich unschuldig.

„Autsch. Spaß bei Seite. Was ist es dann, Lena?“, fragt er nun wieder ernster.

„Kannst du dich noch an den lustigen Umstand erinnern, wie wir uns kennen gelernt haben?“, frage ich enthusiastisch.

„Ja“, antwortet er knirschend, jeglicher Spaß aus seiner Stimme verschwunden.

„Stell dir vor“, sage ich ganz aufgeregt, „gerade, als ich den überaus freundlichen und unglaublich geduldigen Taxifahrer bezahlen will, fällt mir auf, dass die zwei friedliebenden Herren vom Flughafen sich doch meine Geldbörse ausgeliehen haben.“ Einen Moment ist es still und ich befürchte schon, dass er aufgelegt hat.

„Aaah, stimmt. Da war ja was.“ In seiner Stimme ist sein Schmunzeln deutlich heraus zu hören und der Knoten in meinem Magen beginnt sich langsam zu lösen. Ich höre, wie Tim Türen öffnet und schließt und Schlüssel klappern.

„Wo soll ich dich abholen?“, fragt er und ich falle erleichtert in den Sitz des Taxis zurück.

6. Persönlicher Abholservice

Lena

Wenn ich mich je fragte, wie man Genugtuung in eine Mimik übersetzt, dann habe ich genau jetzt meine Antwort erhalten. Eigentlich müsste ich diesen Anblick fotografieren und an den Dudenverlag schicken, damit sie das Bild neben dieses Wort einfügen können. Tim steigt grinsend aus dem Auto, aber nicht herabfallend oder schadenfroh grinsend, denn diese Varianten würde ich erkennen. Die kenn ich zur Genüge. Nein, er grinst, als würde er nach langer Zeit einen guten Freund wieder treffen und sich darüber freuen. Dieses man-will-gar-nicht-grinsen-aber-dennoch-pflaster-es-sich-auf-die-Lippen-Grinsen. Ich habe diesen Ausdruck immer bei einer nagelneuen Folge meiner Lieblingsserie. Ein ziemlicher mieser Vergleich, doch kann ich es anders nicht beschreiben.

Der Taxifahrer trommelt inzwischen ungeduldig auf dem Autodach herum. Er ist vor etwa zehn Minuten ausgestiegen und rauchte eine Zigarette. Ich darf das Taxi nicht verlassen. Ich Gazelle könnte ja abhauen. Selbst wenn das Wunder eintreten sollte und ich mich weit genug in Sicherheit bringen könnte, bei meinem Glück lande ich direkt in Timbuktu und finde nie wieder zurück. Dann warte ich doch lieber auf Tim und beiße in den sauren Apfel und stehe in seiner Schuld.

Der Fahrer klopft an die Scheibe und ich öffne sie einen Spalt. Die kühle Februarluft dringt sofort in den Innenraum ein und ich funkle den Typen an.

“Ist das dein Retter in der Not?”, fragt er spöttisch und zeigt über seine Schulter auf Tim. Ich hebe ungläubig eine Augenbraue. Wie blöd ist der Typ? Tim winkt mir leicht zu und kommt zielstrebig auf das Taxi zu. Seine Frage ist meiner Meinung nach überflüssig. Und seit wann habe ich ihm erlaubt mich zu duzen? Sehr professionell. Aber Schwerverbrecher, die vergessen, dass sie bestohlen worden, behandelt man sicher nun mal so.

“Hey, ich habe gehört Sie haben ein Päckchen für mich?”, fragt Tim ganz lässig, als wäre er an einem illegalen Deal beteilig und lehnt sich gegen die Fahrertür. Er lässt seinen Blick leicht über die Umgebung schweifen und ich muss kichern. Er sieht wirklich aus, als will er hier etwas Verbotenes verticken oder gar ersteigern. Tim nun so nah gegenüber zu stehen, schmeckt dem Fahrer anscheinend nicht. Dass er eingeschüchtert von Tims Gestalt ist, wäre die Untertreibung des Jahres. Er ist auch äußerst verwirrt von seinem Verhalten.

“Können Sie nicht reden?”, fragt er, als der Fahrer nicht reagiert. Dieser verdreht nur die Augen und zeigt auf mich.

“Zahlen Sie und dann nehmen Sie mir den Schmarotzer aus den Augen”, zischt er Tim an. Tims Laune nimmt im Bruchteil einer Sekunde eine 180 Grad Wendung. Doch hoffentlich nicht wegen dieser kleinen Beleidigung? Ich wurde schon mit Schlimmeren beschimpft.

“Wie war das?”, sagt Tim leise. Bei dem Tonfall stellen selbst mir sich die Haare im Nacken auf. Mr. Hulk baut sich in seiner ganzen bedrohlichen Gestalt mit verschränkten Armen vor dem Mann auf und ehe die Situation zu eskalieren droht, steige ich schnell auf der Beifahrerseite aus, da mir die Fahrerseite durch die sich nun niederstarrenden Männer versperrt wird.

“Tim”, sage ich vorsichtig. Ich habe noch nie an Aura oder so etwas geglaubt, aber die Wut um ihn ist greifbar. Und nur wegen so einem billigen Spruch? Zaghaft lege ich meine Hand auf seinen angespannten Oberarm. Trotz seiner Jacke spüre ich jeden Muskel überdeutlich hindurch. Meine Nackenhaare stehen nun aus einem ganz anderem Grund zu Berge.

“Tim”, sage ich erneut und räuspere mich, “können wir bitte gehen?” Widerwillig reist er seinen vernichtenden Blick von dem Mann vor ihm ab und als er mich ansieht werden seine Gesichtszüge deutlich weicher. Na wenn das mein Selbstbewusstsein nicht in die Höhe schießen lässt, dann weiß ich auch nicht.

“Aber…”, beginnt er zu protestieren und ich falle ihm gleich ins Wort. Meine Unterlippe schiebt sich automatisch ein Stück nach vorn und ich fühle mich wie ein kleines Kind, dass nach Schokolade bettelt, nur ist die Situation um einiges ernster. Ich habe wirklich keine Lust eine erneute Runde in einem Krankenhaus zu verbringen, auch wenn mir mein Gefühl sagt, dass weder Tim, noch ich, der Patient wären.

“Bitte”, flüstere ich nun eindringlicher und festige meinen Griff auf seinem Arm. Tim betrachtet mich einen Moment, bevor er sich seufzend dem Fahrer zuwendet.

“Wie viel schulden wir Ihnen?”, fragt er, unglücklich darüber, dem Mann keinen Denkzettel zu verpassen. Für viele wäre diese Aktion nicht nennenswert oder am nächsten Tag vergessen, aber für mich haben sich die letzten Minuten für immer in mein Gedächtnis gebrannt. Noch nie in meinen ganzen einundzwanzig Jahren hat sich jemand für mich eingesetzt, geschweige denn meine Ehre verteidigt. Ich war auch noch nie Teil eines Wir.

Tim bezahlt den Dienstleister und holt meine Tasche von der Rückbank. Noch immer baff von seinen Worten und Reaktion, höre ich gar nicht, was er dem Fahrer noch alles an den Kopf wirft. Erst, als er sich meine Hand schnappt und hinter sich her schleift, nehme ich wieder am aktuellen Leben teil.

“Danke”, sage ich schließlich, als wir an seinem Auto ankommen. Er winkt nur ab und legt meine Tasche in den Kofferraum. Die ersten Minuten der Fahrt verfallen wir in ein angenehmes Schweigen.

“Du solltest vielleicht deine Karten sperren lassen wenn wir bei mir sind”, erinnert er mich.

“Daran habe ich ja noch gar nicht gedacht!”, rufe ich überrascht aus und er schmunzelt. Wenigstens einer, den meine Situation amüsiert.

“Dachte ich mir fast, da du ja den Umstand an sich vergessen hast, dass du geldlos bist.” Normalerweise fühle ich mich bei solchen Kommentaren schnell angegriffen, doch jetzt muss ich über meine eigene Schusseligkeit lächeln. Danach herrscht wieder Stille zwischen uns, bis ich laut lachen muss. Tim sieht mich schräg von der Seite an.

“Klärst du mich auf, was dein Gemüt so erheitert?”, fragt er skeptisch.

“Hättest du mir nicht erzählt, dass du auf das Auto nur aufpasst, würde ich spätestens jetzt denken, dass du es geklaut hast. Oder fährst du immer so schrecklich?”, frage ich, das Grinsen nun nicht mehr verbergen könnend.

“Ja ja, ich habe das Auto erst seit ein paar Tagen. Wir haben uns noch nicht aneinander gewöhnt.” Tim streicht bei seinen Worten liebevoll über das Lenkrad. Das Lächeln, was er mir von der Seite zuwirft, nimmt mir jegliche Spucke und es formt sich ein Kloß in meinem Hals. Ehe ich mir noch die Blöße gebe und rot anlaufe, sehe ich wieder aus dem Fenster.

Kurze Zeit später parkt Tim in einer ruhigeren Gegend der Stadt und bedeutet mir auszusteigen. Er holt meine Tasche und führt mich zu einem Hauseingang mit einer uralten Haustür. Er schließt auf und lässt mich vor. Dieses ganze Gentlemanverhalten ist nach den ganzen Tagen mit ihm noch immer völlig neu und ist mir mehr als unangenehm. Ich bin physisch durchaus in der Lage eine Tür zu öffnen oder meine Tasche zu tragen. Tim öffnet einen Briefkasten und entnimmt Briefe und Werbung, danach öffnet er noch einen und entnimmt ebenfalls Post.

“Die Freunde, die ich zum Flughafen gebracht habe? Das ist ihre Post”, erklärt er, als er meinen verwirrten Blick sieht. Er deutet auf den Briefkasten mit den Namen Richter/Kaiser. Auf dem anderen steht Heeger. Jetzt kenne ich auch seinen Nachnamen.

“Komm schon, wir müssen nach ganz oben”, sagt er und ist schon die erst halbe Treppe hoch.

“Wie lange sind sie denn weg?”, frage ich, um die Stille zu brechen.

“Keine Ahnung. Sie erfüllen sich einen Lebenstraum, sozusagen. Die beiden wollten schon immer mal nach London, aber abseits der Touristenstrecken und ohne Job im Nacken, der sie zwingt, nach ein paar Wochen zurückzukehren.”

“Also haben sie ihre Jobs gekündigt um Urlaub zu machen?”, frage ich nach.

“Nein. Sagt dir NOB was?”, fragt er mit einem interessierten Seitenblick auf mich.

“Ich kenne die Werbung, aber ich habe mich damit nie wirklich auseinandergesetzt”, antworte ich ehrlich.

“NOB gehört uns”, sagt er schlicht und bleibt vor seiner Wohnungstür stehen. Diese riesige Seite, die letztes Jahr wie aus dem Nichts auftauchte und seither eine Schlagzeile nach der anderen macht? Dann könnte ich mir so ein Leben auch leisten und Tim ist Miteigentümer? Deshalb konnte er es sich leisten, die Tage bei mir im Krankenhaus zu bleiben. Er ist sein eigener Chef. Noch immer fasziniert von dieser neuen Erkenntnis folge ich ihm in seine Wohnung.

“Bist du erst hier eingezogen?”, frage ich, bei dem Anblick, der sich mir bietet. Überall stehen Umzugskartons rum und die Wohnung ist spärlich eingerichtet.

“Naja, wenn drei Monate erst sind, dann ja. Ich bin die meiste Zeit in der Agentur. Eigentlich komme ich nur zum Duschen und Schlafen her”, erklärt er mir und kratzt sich verlegen am Hinterkopf.

“Da ist das Bad, Schlafzimmer, Küche und Wohnbereich”, erklärt er mir und zeigt mir die Räume. In seinem Wohnzimmer steht noch nicht mal eine Couch. Einen Fernseher sehe ich auch nirgends, aber ein Regal, dass bis obenhin mit DVDs gefüllt ist. Als ich mir die Filme näher ansehe, frage ich mich, ob ich nicht doch etwas voreilig gehandelt habe. Unter einer Brücke wäre es sicher auch ganz kuschlig gewesen. Jedoch, wenn ich mir diese Horrorfilmsammlung ansehe, weiß ich wenigstens, dass ich auf ganz kreative Weise gefoltert, ermordet oder gemeuchelt werde.

“Du magst Horrorfilme?”, fragt er hoffnungsvoll hinter mir. Ich wende mich ihm zu und verziehe entschuldigend und gleichzeitig angewidert mein Gesicht.

“Nicht wirklich”, sage ich und wünschte, ich würde sie mögen, als ihm die Enttäuschung im Gesicht steht.

“Du bist sicher müde. Willst du noch duschen oder baden bevor du ins Bett gehst?”, fragt er freundlich und gähnt selbst ausgiebig.

“Eine Dusche klingt fantastisch”, sage ich langsam. Mir gefällt der ins Bett gehen Part nicht. Hier gibt es nur ein verdammtes Bett. Tim ist heiß und alles, aber deshalb will ich mir nicht gleich ein Bett mit ihm teilen. Ich bin weder billig, noch verzweifelt.

“Okay, Handtücher sind im Schrank. Ich leg dir noch ein frisches Shirt raus und baue mir dann meinen Schlafplatz auf.” Er schmunzelt, als ich ganz fieberhaft mit dem Kopf nicke.

“Sehr guter Plan”, stimme ich mit piepsiger Stimme zu. Ehe alles noch peinlicher wird, verschwinde ich im Bad, nachdem er mir die Wechselsachen gibt.

Ich dusche kurz und heiß. Nachdem ich mich abgetrocknet habe und das Nest auf meinem Kopf einigermaßen geordnet habe, bin ich auch tatsächlich müde.

Tim finde ich im Wohnzimmer und bin mir sicher, dass ich bereits schlafe oder zumindest nicht richtig sehe.

“Tim, vielleicht sollte ich wieder ins Krankenhaus, ich glaube ich sehe Dinge, die nicht wahr sind oder steht da wirklich ein monströses Trampolin in deinem Wohnzimmer?”, sage ich hastig. Er lacht nur sein Zahnpastawerbungslachen und breitet in aller Seelenruhe Decken über besagtes, unmöglich wirklich in einer Dachwohnung stehendes, Objekt.

“Nope, das ist ein Trampolin in meinem Wohnzimmer”, sagt er, als wäre es das normalste der Welt.

“Ein Trampolin? In deinem Wohnzimmer? In einer Dachwohnung?”, frage ich weiter fassungslos.

“Schau nicht so. Das ist ein Überbleibsel meines Vormieters.” Er amüsiert sich köstlich über meine entglittenen Gesichtszüge.

“Aber… was will man mit einen verdammten Trampolin in der Wohnung?” Ich schüttle meinen Kopf, um einfach die Fassung wieder zu erlangen. Es gibt sicher genug Leute die weitaus merkwürdigere Dinge in der Wohnung haben, als ein Toteskatapult, oder?

“Dieses Trampolin, liebe Lena, hat eine ganz besondere Bedeutung”, sagt er nachdenklich und streicht mit einem sanften Lächeln über den Rahmen seines improvisierten Schlafplatzes. Vielleicht erzählt er mir irgendwann mal die Geschichte hinter diesem Ding.

Auf der anderen Seite gibt es für uns kein Irgendwann.

7. Persönlicher Körperschmuck

Tim

Warum sind Frauen nur immer so überrascht über dieses Trampolin? Wendy-Candy hat uns letztes Jahr für bekloppt erklärt und Ines hat uns auch gewarnt, dass die Aktion nur nach hinten losgehen kann. Aber soll ich auf dem Boden schlafen? Die Couch steht jetzt im WG-Wohnzimmer und dort jetzt hinzufahren und nervige Fragen zu beantworten fällt flach. Lena sah aus, als wäre sie nicht sicher, ob sie in einer Wohnung oder im Spieleparadies gelandet ist. Doch unterm Strich war sie, glaube ich, einfach nur erleichtert, dass sie kein Bett mit mir teilen muss und hat sich einfach mit der Tatsache angefreundet, dass durchaus ein Trampolin in einer Dachwohnung vorhanden sein kann. So schockierend es auch sein mag. Doch genau das mag ich an ihr, dass sie nicht so einfach zu haben oder zu durchschauen ist, dass sie sich nicht neben einen praktisch Fremden legt. Obwohl sie sicher mehr über mich weiß, als ich je über sie erfahren werde. Wie eine Ballerina tanzt sie um Antworten herum, dass man das Gefühl hat endlich mehr zu wissen, bis einem auffällt, dass man genauso schlau wie vorher ist. Ich glaube nicht, dass sie irgendwelche Geheimnisse zu verbergen hat. Lena ist es nur nicht gewohnt, dass sich tatsächlich jemand für sie interessiert und sie hat rein gar kein Vertrauen in Menschen. Das ist aber der Verlust der Anderen. Mit Lena hatte ich die letzten Tage eine Menge Spaß. Das Einzige, was mich stutzen lässt, sind ihre Auswanderungsgründe. Wer begründet seinen Umzug bitte ausschließlich auf Statistiken? Und dann noch auf so eine absurde?

Ich sitze im Schneidersitz auf dem erstaunlich gemütlichen Trampolin und beantworte ein paar Mails der letzten Tage. Mit der Abwesenheit von Pan und Wendy bleibt jetzt mehr an mir hängen. Jetzt bin ich nicht mehr nur für das Design zuständig. Nun kann ich auch meine Kenntnisse aus dem BWL-Kurs anwenden, den ich mal aus Langeweile neben meinem Designstudium gemacht habe. Was soll ich sagen? Das Studium hat mich nun mal nicht ausgelastet. Ich schließe den Laptop in meinem Schoß, gähne und strecke mich. Ich schaffe die Elektrik zu meinem Schreibtisch und lösche das Licht auf dem Rückweg zum Trampolin. Aus dem Schlafzimmer ist schon seit einiger Zeit kein Ton mehr zu hören, also schläft Lena sicher längst. Überhaupt hat sie nach dem Trampolingespräch kaum noch etwas gesagt. Bevor ich mich hinlege, streife ich mir mein Shirt ab und springe in mein improvisiertes Bett. Gut, dass war jetzt nicht die schlauste Idee, da es nun mal ein Trampolin ist und alle Kissen durch die Gegend fliegen und die Decken überall zum Liegen kommen, nur nicht wo sie sollen. Ich angle die Kissen vom Boden ohne aufzustehen und bin mir sicher, dass Lena sich über meine Verrenkungen schlapp lachen würde. Ich werfe mir eine dünne Decke über die Beine, denn trotz der Jahreszeit ist mir alles über eine dünne Sommerdecke hinaus zu heiß. Für jegliche andere Ordnung bin ich einfach zu müde. Kaum kommt mein Körper zur Ruhe, übermannt mich die Müdigkeit.

Diese Nacht habe ich einen der besten Träume, den ich je hatte. Ich liege auf dem Rücken, alle viere von mir gestreckt und die Decke bedeckt meinen Körper nur hüftabwärts. Ich liege noch immer auf dem Trampolin. Komisch, im Traum wäre es doch logischer in meinem eigenen Bett zu liegen, oder? Leise schleicht jemand durch mein Wohnzimmer, doch anstatt an einen möglichen Einbruch zu denken, fühlt sich die Situation merkwürdiger Weise richtig an. Nicht mal das nervöse auf und ab Gelaufe dieser Person nervt mich.

“Tim?”, flüstert sie, besonders leise dicht neben meinem Ohr und die Spannung des Trampolins lässt nach, als sie sich abstützt. Sie überprüft, ob ich noch wach bin. Ich bin zu müde ihr zu antworten und will eigentlich nur weiterschlafen. Ich greife nach ihrem Handgelenk, welches sich ganz nah an meiner ausgestreckten Hand befindet und mit einem kleinen erstaunten Quieken landet sie direkt in meinem Arm und kommt neben mir zum Liegen. Da sie einmal so einladend daliegt drehe ich mich zu ihr und lege meinen anderen Arm um sie herum auf ihren Rücken. Ihre gesamten Muskeln verkrampfen sich und ich könnte auch einen Stein in meinen Armen halten. Zugegeben, einen Stein mit verdammt weicher Haut.

“Ähm, Tim?”, flüstert sie abermals mit zittriger Stimme. Ihr Körper beginnt ebenfalls vor Anspannung zu zittern und ich ziehe sie noch enger an mich. Ihre eiskalten Hände landen auf meinem nackten Brustkorb und die darauf folgende Gänsehaut kann ich nicht nur ihrer Temperatur zuschreiben. Sie müsste nur den minimalsten Druck ausüben und ich würde sie sofort loslassen. Doch das ist mein Traum, also tanzt der Ablauf gefälligst nach meiner Pfeife. Kurz: sie schiebt sich nicht von mir weg. Viel besser. Meine Finger zeichnen kleine Kreise auf ihrem unteren Rücken und langsam entspannt sich ein Muskel nach dem anderen. Was auch immer sie von mir wollte scheint vergessen, als ihr Atem leicht und regelmäßig wird. Sie ist wieder eingeschlafen. Ich fische die Decke hervor und ziehe sie bis zu ihren Schultern hoch. Ein Arm von ihr rutscht über meine kitzlige Seite und landet auf meiner Schulter. Sie zieht sich von allein näher an mich und seufzt auf, als würde alle Last der Welt auf ihren Schultern ruhen. Ich streiche ihr über das Haar und meine Nase wird mit ihrem Duft geflutet, der vor allem nach meinem Shampoo und Duschgel, aber auch ein Stück einfach nur nach ihr, nach Zitrone, riecht und eigentlich der beste Teil in der Mischung ist. Nach einem kurzen Kuss auf ihre Stirn lege ich meinen Arm wieder auf ihren Rücken und ziehe wieder kleine Kreise, bis auch ich wieder tief eingeschlafen bin. Das ist wirklich der beste Traum den ich je hatte.

Am Morgen wache ich mit einer inneren Zufriedenheit auf, wie schon seit Langem nicht mehr. Diese gute Laune wird leicht getrübt, als ich neben mich sehe und mich alleine auf diesem Trampolin wieder finde. Dieser Traum war erschreckend real und viel erschreckender ist, wie sehr ich mir wünsche, dass er wahr ist. Ich bilde mir sogar ein, dass mein Kissen noch nach ihr riecht, aber das kann nicht sein. Diese Faszination an ihr ist seit dem ersten Moment da, aber ich sollte es schleunigst ignorieren. Diese Frau verschwindet, sobald sie wieder an ihr Geld kommt und einen Flug nach sonst wo buchen kann. Ich kann es mir gar nicht leisten mich an sie zu gewöhnen. Sie ist jetzt auch nur hier, da sie keinen anderen Ausweg gestern gesehen hatte. Ihre Gründe dahingestellt, bin ich dennoch erleichtert, dass sie mich angerufen hat. Das bedeutet doch, dass sie wenigstens einen Funken Vertrauen in mich hat. Ein Funken hat schon manchmal wahre Infernos ausgelöst. Ich reibe mir den Schlaf aus dem Gesicht und kullere vom Trampolin. Ich stehe nicht ganz so graziös wie ich es gern hätte auf und schleppe mich in die Küche. Ich setze Kaffee für uns auf und absolviere meine morgendliche Badrunde. Da ich keinen blassen Schimmer habe, was Lena gern frühstückt, stelle ich für jegliche Individualitäten alles bereit, was meine Vorratsschränke hergeben. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ihr der Krankenhausfraß wirklich zugesagt hat. Shit, sie hat gestern Abend gar nichts mehr gegessen. Der erste Platz für den besten Gastgeber aller Zeiten geht ganz klar und definitiv nicht an mich. Wenn sie aufsteht muss sie doch am Verhungern sein. Um das wieder gut zu machen, fahre ich alle Geschütze auf. Ich koche Eier, backe Brötchen auf und räume meinen Schreibtisch ab, um darauf provisorisch einen Frühstückstisch zu decken. Das erinnert mich daran, dass ich mich doch vielleicht mal nach Möbeln umschauen sollte. Aber Lena kommt mir nicht wie der Typ vor, den so etwas stört. Gerade, als alles fertig ist und der Kaffee durchgelaufen ist, höre ich sie die Schlafzimmertür öffnen und kurz darauf wie sich die Badtür hinter ihr schließt. Keine fünf Minuten später höre ich sie ins Wohnzimmer schleichen.

“Ich sag es ja schon immer. T-Shirts sind ja so was von überbewertet und was sie nicht alles so offenbaren.” Das hat sie jetzt nicht wirklich mit einem dicken fetten Grinsen in der Stimme gesagt, oder? Das war jetzt nur Einbildung. Mit einem Blick an mir herab, merke ich, dass ich noch immer nur in Jogginghosen rumlaufe und mein Oberkörper vollkommen entblößt ist. Shit, dann sieht sie es. Nur die Jungs wissen davon und das auch nur, weil sie dabei waren. Nicht mal Wendy-Candy habe ich es gezeigt und bin eigentlich nicht besonders scharf darauf den Kreis der Wissenden zu erweitern. Panisch lege ich eine Hand auf meine linke Lende, doch ihr herzhaftes Lachen sagt mir, dass es zu spät ist. Ich drehe mich zu ihr um und sie wischt sich gerade Lachtränen aus den Augen. Das steht ihr unglaublich gut. Lachen. Ich habe sie noch nie so befreit lachen sehen.

“Lache nicht. Lass dir diesen Anblick eine Lehre sein und gehe nie mit meinen Jungs einen Trinken. Vor allem, wette in diesem Zustand nicht mit ihnen.” Ich könnte vor Demütigung im Erdboden versinken, aber dennoch grinse ich zurück.

“Oh Gott, ich muss sie kennen lernen und fragen, wie sie dich dazu gebracht haben, dass du dir ein kleines, dickes, niedliches Einhorn tätowieren lässt.” Als ich mich wieder umdrehe, um den Kaffee zu holen beginnt sie erneut zu lachen.

“Besoffene Tattoos sind immer eine miese Idee. Es sei denn, es ist ein Einhorn. Einhörner sind unglaublich faszinierend. Außerdem, Zwerg, hast du schon mal auf dein Shirt geschaut?”, sage ich, ohne mich ihr zuzuwenden. Als das Wohnzimmer erneut mit ihrem Lachen gefüllt wird, weiß ich, dass sie wirklich den gleichen Humor wie ich besitzt.

“Wer kauft sich solche Oberteile?”, fragt sie außer Atem, als sie sich allmählich wieder beruhigt hat.

“Ich, offenbar”, sage ich und gehe mit der Kaffeekanne in der Hand zum Tisch. Dabei sehe ich sie mir noch mal an. Jap, mein Shirt steht ihr noch genauso wunderbar wie gestern. Von dem dunkelblauen Shirt funkelt ein böse dreinblinkendes Einhorn und daneben steht: “Maybe we don´t believe in you!”

“Aber konnten sie dir nicht ein etwas… männlicheres Einhorn antun?”, fragt sie und versucht vergeblich ein erneutes Losprusten zu unterdrücken.

“Ich habe mir das selbst ausgesucht”, gestehe ich kleinlaut. Ihre strahlenden Augen weiten sich bei diesem Geständnis und sie fällt fast vom Stuhl. Ich lasse ihre Schadenfreude über mich ergehen und genieße ihre gute Laune. Wer weiß wie lange es anhält.

“Kaffee?”, frage ich und hebe demonstrativ die Kanne hoch.

“Ich trinke keinen Kaffee”, sagt sie fast entschuldigend und rümpft ihre Nase.

“Wie funktionierst du dann?”, frage ich verblüfft. Ohne Kaffee könnte ich kaum einen kompletten Tag überstehen.

“Glaub mir, das frage ich mich schon lange”, antwortet sie und ihre Fröhlichkeit von eben scheint vergessen.

“Was willst du dann trinken?”, frage ich weiter, in der Hoffnung ihre Stimmung zu umgehen.

“Zum Frühstück nur Milch, bitte”, antwortet sie und beäugt den üppig gedeckten Tisch.

“Du hättest für mich nicht so einen Aufwand betreiben müssen.” Ihre Stimme lässt blicken, dass es ihr unangenehm ist.

“Du bist mein Gast und außerdem weiß ich nicht was du früh isst.”

“Du hättest fragen können?”, gibt sie mir zu bedenken.

“Lena, was frühstückst du gern?”, frage ich, als ich mich ihr gegenüber setze. Sie schmunzelt. Ein Schritt wieder nach oben auf dem Gute-Laune-Barometer.

“Eigentlich ein Brötchen mit Frischkäse und ein Glas Milch, vielleicht noch ein gekochtes Ei. Dazu noch einen Apfel oder eine Banane.” Ich deute auf den Tisch zwischen uns.

“Das findest du alles hier”, sage ich stolz und erleichtert, während sie beeindruckt nickt. Wir essen in Ruhe und ich schlage mir fast selbst auf den Hinterkopf, als mich selbst ihre Art das Brötchen zu schmieren verzaubert. Seit wann habe ich so ein Wort wie verzaubert in meinem gebräuchlichen Wortschatz? Geht‘s noch?

“Tim? Kann ich dann an deinen Laptop?”, fragt sie fast schüchtern.

“Klar, wieso?”, sage ich, da es wirklich keine große Sache ist.

“Ich will meine Karten sperren lassen und neue beantragen. Vielleicht gibt es hier in der Nähe auch eine Filiale. Da komme ich wenigstens an etwas Geld und kann dir das Taxigeld wiedergeben und mir ein Hotelzimmer buchen.” Sie weicht meinem Blick ihre ganze Rede über aus.

“Den Hotelteil verstehe ich nicht. Ich dachte du bleibst hier, bis du weiter ziehst?”, frage ich irritiert.

“Nein. Du hast schon genug geholfen”, sagt sie sofort abwehrend. Ich stelle meine Kaffeetasse ab und überlege mir meine nächsten Worte genau.

“Lena, du kannst das Geld für ein Hotel sicher anderweitig gebrauchen. Du musst noch ein neues Flugticket kaufen. Du wirst kaum etwas von dem Alten wieder bekommen, da du den Flug nicht angetreten bist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Tickets besonders günstig sind. Und mir macht es den Umstieg leichter. Bisher wohnten meine zwei besten Freunde unter mir. Jetzt sind sie auf unbestimmte Zeit weg und ich habe gern Gesellschaft.” Sie beißt sich nachdenklich auf die Unterlippe. Wenn sie wüsste, was diese Geste abseits meines Bauchnabels für Gefühle auslöst, würde sie sicher keine Sekunde weiter überlegen und einfach ihre Sachen packen und gehen.

“Okay”, sagt sie langsam und entlässt ihre Lippe. “Aber nur, wenn ich dir eine Art Miete zahle und für mein Essen selber aufkomme.” Shit, niemals.

“In Ordnung”, sage ich dennoch. Sonst würden wir noch ewig diskutieren. Mir wird schon etwas einfallen, damit ich ihr Geld nicht annehmen muss.

“In Ordnung?”, fragt sie mit zusammengekniffenen Augen und lässt ihr Brötchen sinken. Ich nicke bestätigend, damit sie mein Flunkern nicht gleich erkennt.

“Okay.” Nach dem Frühstück setzt sie sich an den Laptop und sperrt ihre Karten. Als sie die Neuen beantragt, schiebe ich ihr einen Brief mit meiner Adresse drauf unter und sie lächelt mich dankbar an. Ich räume ab und wasche auf. Immer wenn sie glaubt unbeobachtet zu sein, nutze ich die Gelegenheit und betrachte sie.

Seit dem Einhornzwischenfall hat sie kaum gelacht oder gelächelt. Sie ist überfreundlich und spricht nur das Nötigste. In Momenten, in denen sie glaubt, dass ich sie absolut nicht sehe, dann kommt ihre wahre Gefühlswelt zum Vorschein und mein Herz bricht jedes Mal ein kleines Stückchen mehr für sie. Sie legt in diesen Momenten ihre Maske ab und ihre Augen verlieren jeglichen Glanz. Ihre Mundwinkel verziehen sich nach unten und sie sieht fatal zerbrechlich und zart aus, als würde der kleinste Windhauch sie umstoßen und aus dem Gleichgewicht bringen.

Wie gut, dass ich breite Schultern habe und einen unglaublich großen Windschatten bilde. Jetzt muss ich sie nur noch in besagten Schatten bekommen. Doch Lena lässt sich nicht gern helfen.

 

besagtes Tattoo

 

8. Persönliche Geschichten

Tim

Meine ausufernden Bemühungen zum Frühstück fordern jetzt ihren Tribut. Ich bin einkaufen.

Ich hasse einkaufen.

Von allem gibt es zu viel, alles ist zu bunt und dieses fluorisierende Licht bereitet mir Kopfschmerzen. Ich beneide Lena, die in meinen vier Wänden sitzt und sich diese Strafe nicht antun muss. Obwohl ihre Tagesaufgabe sicher auch nicht viel entspannter ist. Ich zumindest könnte mir weitaus Besseres vorstellen, als mit den überbezahlten Bankangestellten und Behördenmenschen zu telefonieren. Hauptsache die Idioten, die sie am Flughafen überfallen haben, haben nicht schon alles von ihrem Konto abgeräumt. Aber würde ich mich dennoch lieber mit den Weiterleitungen der Servicehotline herumschlagen, als im Vorort der Hölle zu Rentnerhöchstzeiten einkaufen zu müssen. An den Servicemenschen kann man wenigstens ungestraft seinen Frust loswerden.

Lenas Einkaufszettel, den sie mir nach langem Betteln endlich schrieb, ist auch äußerst spärlich. Wasser, Duschbad, Shampoo, Brot und Multivitaminsaft. Von was will sie sich ernähren? Trocken Brot und Wasser? Sie ist mein Gast und keine Strafgefangene. Meine Laune wird erneut getrübt, als eine ältere Frau mir das letzte Duschbad, das Lena haben wollte, unter der Nase wegschnappt. Zur Rache gewinne ich gegen besagte Omi das Wettrennen an die Kasse haushoch und lege endlich meinen Einkauf aufs Band. Dabei fällt mir das Süßigkeitenregal, der Alptraum jeder geplagten Mutter, ins Auge. Lena ist mein Gast, also darf ich ihr doch auch eine Kleinigkeit, eine Aufmerksamkeit, mitbringen, oder? Ich entscheide mich schnell für fünf Packungen dieser Bueno-Riegel, da die Rentnerin offenbar eine sehr schlechte Verliererin ist und mir immer wieder, natürlich völlig unbeabsichtigt, mit ihrer rollenden Gehhilfe in die Waden fährt. Natürlich bezahle ich den Einkauf mit jeglichem Kleingeld, das ich finden kann und zähle noch mindestens dreimal nach. Nur zur Sicherheit, versteht sich, um zum Schluss doch mit Karte zu zahlen. Die alte Dame schnaubt nun mit hoch rotem Kopf, wie so ein kleiner wütender Chihuahua hinter mir und die Kassiererin verkneift sich mit aller Not ein Lachen über meine Aktion. Das ich die Beutel jetzt nicht durch die Straßenbahn schleppen muss, ist nur einer der vielen Vorteile des Autosittens.

Als ich an einer roten Ampel, kurz vor meiner Straße, warten muss, breitet sich ein fettes Grinsen in meinem Gesicht aus und eine Freude, wie selten, verteilt sich in meinem ganzen Körper. Es ist schön zu wissen, dass zu Hause jemand auf mich wartet. Ich sollte vielleicht auch endlich mal alle Umzugskisten ausräumen, die noch überall stehen. Seit Monaten wohne ich dort, aber irgendwie fühlt es sich noch immer nicht wie mein Zuhause an. Das liegt auch daran, dass ich viel zu viel in der Agentur statt in der Wohnung bin. Wenn endlich alles an seinem Platz ist, ändert sich das vielleicht. Oder ich kaufe mir doch einfach eine Katze.

Lena hängt noch immer schimpfend am Telefon, als ich vollbepackt durch die Tür stolpere. So genervt sah sie noch nicht mal im Krankenhaus, bei all den unnötigen Tests des Psychoarztes aus. Doch als sie mich hört, dreht sie sich kurz zu mir und lächelt mich an. Diese Art Lächeln, dass jeden Mann bezaubert. Diese Art, für die es sich lohnt, jeden Tag heimzukommen. Diese Art, die jede noch so schäbige Wohnung heimische Willkommenheit versprühen lässt. Diese Art, wie ich sie noch nie an Lena bisher gesehen habe. Diese Art, die ich gern öfters, am liebsten jeden Tag, sehen würde.

“Ist es etwa meine Schuld, dass ich überfallen wurde?”, ruft sie entrüstet ins Telefon.

“Hören sie, wenn sie keinen Bock auf ihren Job haben, können sie mich auch liebend gern mit ihren Vorgesetzten verbinden. Ich erzähle ihm liebend gern, was sie mir gerade an den Kopf geworfen haben und wie ich ihr Institut einschätze, wird dieses Gespräch eh aufgezeichnet und ich kann nur hoffen, dass es den richtigen Leuten in den Händen fällt. Glauben sie mir, Karma ist eine kleine Schlampe.” Sie hört dem Anderen einen Moment zu und verdreht gleich wieder die Augen.

“Irgendwie war mir klar, dass sie nur der Teil mit der Aufnahme interessiert, aber solang sie jetzt ihren Job machen, soll es mir egal sein”, antwortet sie genervt.

Kurz darauf beendet sie das Gespräch, da es nun offenbar schnell vonstatten geht und flucht leise vor sich hin, unterstützt vom gedämpften Gestikulieren ihrer Hände. Sie schüttelt sich ein Mal und gesellt sich dann zu mir in die Küche. Ohne Aufforderung beginnt sie den Einkauf mit auszuräumen und weist ihn nach kurzer Erklärung durch mich seinen rechtmäßigen Platz zu.

“Meine neuen Karten werden die nächsten Tage hier hergeschickt. Ich hoffe das ist in Ordnung”, sagt sie beiläufig.

“Klar ist das in Ordnung. Wohin sollst du es sonst schicken lassen?”, frage ich lachend.

“Ja, wohin soll ich es sonst schicken lassen…?”, seufzt sie leise und ich will mich selbst ohrfeigen, schon wieder ein Fettnäpfchen mitnehmen zu müssen, aber da spricht sie schon wieder unbekümmert weiter. Entweder ist sie bipolar oder eine extrem gute Schauspielerin. So wirklich kann ich mir beides nicht vorstellen. Das eine würde bedeuten, dass sie krank ist und das will ich mir gar nicht vorstellen müssen. Das andere bedeutet, dass sie eine gute Lügnerin ist und das kann ich mir bei ihrer Art einfach ebenfalls nicht vorstellen.

“Das Gute ist, die Typen vom Flughafen haben nur Kleinbeträge abgehoben. Immer noch besser, als hätten sie alles komplett abgeräumt. Ich kann mir das Flugticket zum Glück noch leisten”, sagt sie fröhlich, ohne jeglichen Glanz in den Augen. Die Erwähnung ihres Abfluges lässt meinen Magen schwer werden und ich mache mich ohne ein weiteres Kommentar dazu weiter daran den Einkauf auszuräumen. Ziemlich zum Schluss fällt mir die Schokolade wieder in die Hände.

“Hier, auf deiner Einkaufsliste fehlte eindeutig Zucker.” Lena starrt die Verpackung mit den zwei Riegeln, die ich ihr entgegen halte, mit großen Augen an. Das Staunen verlässt ihren Blick und wird durch ein Funkeln ersetzt. Ihre Mundwinkel, die die letzte Zeit viel zu wenig gelächelt haben, wandern immer höher, bis ein echtes, herzliches Grinsen in ihrem Gesicht Platz hält und ich zum ersten Mal ihre Lachgrübchen sehe. Fast schon ehrfürchtig greift sie nach der Kalorienbombe. Sie hält diese kleine Folieverpackung mit beiden Händen. Ihr Blick hebt sich und sie sieht mich an. Wäre ich nicht sowieso schon von ihrem Emotionswandel über etwas Süßes erstaunt, würde mir spätestens jetzt die Luft wegbleiben. Ach, was sage ich. Die stockt mir trotzdem. Das ist die ehrlichste Emotion, die sie mir je bewusst gezeigt hat. Simple pure Freude. Wie sehr freut sie sich erst, wenn sie sieht, dass ich noch einen ganzen Schwung von dem Zeug in der Tüte habe? Macht sie mir dann einen verdammten Antrag? Da ihr Aufenthalt begrenzt ist, schließe ich diese Variante einfach mal ganz tollkühn aus.

“Woher weißt du, dass das meine absolute Lieblingsschokolade ist?”, fragt sie und versucht fieberhaft ihre Gesichtszüge wieder in den Griff zu bekommen. Zum Glück gelingt ihr das nicht auf Anhieb, denn als Nächstes spüre ich schon ihre Arme um meinen Hals.

“Danke”, haucht sie und ihr warmer Atem gegen meine Haut schickt Schauer über meinen Rücken. Ehe ich ihre Geste erwidern kann, versteift sie sich komplett.

“Oh, Gott”, murmelt sie zu sich selbst und weicht langsam zurück. Sie ist tomatenrot angelaufen und wendet sich von mir ab.

“Warum freut man sich so über Schokolade?”, frage ich unverfänglich, um von ihrer Scham abzulenken. Sie lächelt mich dankbar an.

“Nicht irgendeine Schokolade, für mich ist es die Schokolade, verstehst du?”, sagt sie eindringlich und ich nicke. Ich weiß was Lieblingsessen ist, danke auch, aber ich freue mich nicht so extrem darüber.

“Egal wie bescheiden ein Tag war, wenn ich am Ende einfach in Ruhe einen Riegel davon essen kann, ist plötzlich alles nur noch halb so schlimm.” Sie sieht diesen verdammten Riegel an, als wäre es die Antwort auf alle Probleme dieser Welt. Was ist nur mit ihr passiert? Ihr aufgeschrecktes Gesicht lässt mir bewusst werden, dass ich die Frage offenbar laut gestellt habe. Ich will gerade zurückrudern, als sie zögerlich beginnt mir ihre Geschichte zu erzählen, oder besser formuliert: Sie beginnt grob an der Oberfläche zu kratzen.

“Kannst du dich an früher erinnern? An den Kindergarten, die Grundschule und später auch? Jedes Jahr gab es immer ein Kind, dass von allen gehänselt, gemieden oder gar geschubst und geschlagen wurde? Und wenn man nach dem Grund dafür fragte, konnte keiner wirklich darauf antworten?” Ich nicke nur mit zusammengebissenen Zähnen, da ich mir langsam vorstellen kann, in welche Richtung diese Fragen führen.

“Ich war dieses Kind. Aber mir ging es nicht nur in der Schule und den Einrichtungen so, überall. Meine Familie machte mich immer für alles verantwortlich, als würde ich das Unglück anziehen. Meine Mutter hat Borderline, musst du wissen. Aber das konnte ich als kleines Kind natürlich nicht ahnen, geschweige denn verstehen. Eines Tages kam ich von der Schule heim und fand sie in unserer Wanne mit aufgeritzten Armen. Ab da hatte ich jeden Tag Angst nach Hause zu kommen. Wer weiß schon, was ich als nächstes vorfinden würde.” Lena hat nebenbei den ersten Riegel gegessen und macht eine Pause zum kauen. Mir weicht jegliche Farbe aus dem Gesicht.

“Shit, das würde jeden aus der Bahn werfen”, sage ich, aber keinesfalls mitleidig. Eher feststellend. Was mich an ihrer Erzählung am meisten stört, ist eigentlich diese Abgeklärtheit von ihr, als ob es selbstverständlich ist, dass sie das erleben musste. Das zeichnet doch jedes Kind fürs Leben, die eigene Mutter so vorzufinden.

“Naja, die Schule war irgendwann zu Ende und meine Mutter bekam Hilfe und ihre Frau tut ihr unglaublich gut und macht mich seitdem überflüssig”, sagt sie schulterzuckend.

“Wie kannst du darüber nur so reden?”, frage ich verdutzt.

“Was wie? So selbstverständlich?”, fragt sie schnippisch.

“Ja!”, antworte ich und werfe die Arme in die Luft.

“Tim, ich bin so aufgewachsen. Für mich ist das genauso selbstverständlich und natürlich wie das Amen in der Kirche.” Lena packt den zweiten Riegel in aller Seelenruhe aus.

“Trotzdem dürfte das niemand durchmachen müssen”, entrüste ich mich.

“Tim, glaub mir, das ist nur die Spitze des Eisberges. Du willst den Rest doch gar nicht hören”, sagt sie abwertend und beißt genüsslich in die Schokolade.

“Und wenn ich es aber wissen will?”, frage ich herausfordernd, obwohl mein Magen sich bereits jetzt verdreht.

“Warum interessiert es dich überhaupt so sehr? In einer Woche bin ich weg, vergessen?”, fragt sie mit zusammengekniffenen Augen.

“Wenn du eh verschwinden willst, kannst du mir es auch erzählen. Du willst mich danach doch nicht wiedersehen, wenn ich mich recht erinnere, also dürfte es auch keine Rolle spielen”, sage ich stichelnd und meine Worte verfehlen ihre Wirkung nicht. Erst fühlt sie sich angegriffen, doch dann gibt sie mir offenbar recht und macht es sich auf einem Barhocker in der Küche gemütlich. Dieses von jeglichen Gefühlen freigewaschenes Gesicht lässt mir erneut einen Schauer über den Rücken laufen.

“Was Männer betrifft hatte ich, gelinde gesagt, noch nie ein glückliches Händchen. Von Missbrauch bis gelegentliche Schläge war alles dabei, aber ich hatte auch nie ein wirkliches Vorbild in der Hinsicht. Meinen Vater habe ich nie kennengelernt und meine Mutter steht auf Frauen. Kurz: ich bin der wandelnde Beweis für Murphys Gesetz. Alles was schief gehen kann, geht schief.” Sie grenzt ihre Erzählung damit doch ab und offenbart nicht alles. Welcher Idiot würde sie schlecht behandeln? Ob ich überhaupt wissen will, wie schlecht sie behandelt wurde? Allein bei dem Wort Missbrauch beginnen meine Gedanken zu rasen. Das Wort ist so ein furchtbar dehnbarer Begriff. Dahinter könnte sich alles Mögliche verbergen.

“Wieso hast du es niemanden erzählt?”, frage ich verwundert, denn hätte sie sich jemanden anvertraut, hätte ihr sicher jemand geholfen. Hoffe ich zumindest.

“Niemand hat gefragt”, sagt sie schulterzuckend.

“Ich finde unser Kennenlernen ist nichts Schlimmes, bis auf den Umstand wie es dazu kam”, halte ich trotzig dagegen und sie lächelt mich nur traurig an.

“Tim, das ist nur das Übliche, dass einem Pechvogel alles so passiert”, sagt sie.

“Ja, sehr üblich”, sage ich mit einem missglückten Grinsen. Seit unserer ersten Begegnung weiß ich, das Mitleid das Letzte ist, was sie will. Sie lächelt zurück, aber ich kann praktisch vor mir sehen, wie sie die Mauer um sich herum wieder aufbaut.

Diese Nacht habe ich wieder den selben Traum. Lena kommt zu mir aufs Trampolin und sie kuschelt sich an mich. Doch ich wache wieder alleine auf, auch wenn ich schwören könnte, dass mein Kissen nach ihr duftet.

9. Persönliche Fehlkäufe

Tim

Verschlafen liege ich noch faul auf dem Trampolin und habe das Kissen, das nach ihr riecht, fest in meinen Armen. Man könnte meinen, ich bin ein kleiner Junge auf Klassenfahrt, der seine Mama vermisst. Obwohl ich wahrscheinlich eher wie ein gigantischer Teddybär aussehe. Verschlafen, mit zerzausten Haaren und genug Angriffsfläche zum Dauerkuscheln. Gott, bin ich morgens ein Softie. Ich bin noch ganz benebelt von dem Duft, der mich umschwirrt, als mich fremde Geräusche hochschrecken lassen. Aus meinem Schlafzimmer dringen mehrere Stimmen. Hat Lena doch Freunde und feiert eine Party ohne mich? Unwahrscheinlich. Groggy reibe ich mir den Schlaf aus den Augen. Nach den Bildern, die Lena mit ihrer Erzählung in meinen Kopf gepflanzt hat, fiel mein Schlaf eher unruhig aus. Nur als ich den erneuten Traum über sie hatte, sie regelrecht in meinen Armen spüren konnte, konnte ich einigermaßen Ruhe finden. Ich setze mir einen Kaffee an und bin auf dem Weg ins Bad, als ein weiblicher Schrei aus dem Schlafzimmer dringt und mir das Blut in den Adern gefrieren lässt. Es ist zwar nicht Lenas Stimme, dennoch stürme ich sofort in das Zimmer und sehe mich hektisch um.

“Was…?”, rufe ich und Lena schreckt und quiekt im Bett auf. Sie verheddert sich überrumpelt in der Decke und mein Laptop rutscht ihr fast vom Schoß. Mit einem Hechtsprung rettet sie das teure Stück im letzten Moment.

“Tim! Bist du verrückt? Erstich mich halt aus dem Hinterhalt und verpass mir keinen Herzinfarkt!”, schimpft sie und ich sehe mich nur irritiert im Raum um. Wer zur Hölle hat hier geschrien?

“Gott”, raunzt sie und hält sich die Hand über die Brust.

“Hier hat doch gerade jemand…geschrien?”, frage ich und wie auf Kommando schreit es erneut. Die Stimmr plärrt aus meinem Laptop heraus. Ich atme aus und meine Muskeln entspannen sich wieder.

“Ich denke du stehst nicht auf Horrorfilme?”, frage ich lachend.

“Und ich hätte dich nicht für einen The Vampire Diaries Fan gehalten”, erwidert sie schmunzelnd und hält mir das Cover einer DVD unter die Nase. Ich hebe sofort abwehrend die Hände und schüttle den Kopf.

“Zu meiner Verteidigung, ich habe nur was von Vampiren und Werwölfen gelesen und die Frau auf den Cover ist auch nicht wirklich hässlich. Ich habe die erste Folge nach zehn Minuten ausgemacht. Ich schwöre!”, sage ich schnell und dennoch werden meine Wangen leicht warm. Sie sieht mich an, als hätte ich beiläufig erwähnt, dass ich kleine Welpen zum Frühstück esse.

“Was?”, frage ich nach und überlege fieberhaft, welches Fettnäpfchen ich nun schon wieder mitnehmen musste.

“Du Kunstbanause!”, entrüstet sie sich, “Das ist so eine süße Geschichte.”

“Sehe ich oder mein DVD-Regal aus, als würden wir auf süße Filme oder Serien stehen?”, frage ich mit hochgezogener Augenbraue. Mit einen “Hmpf” und verschränkten Armen lässt sie sich in die Kissen zurückfallen.

“Außerdem ist die ganze Geschichte so vorhersehbar”, sage ich grinsend und ihre Gesichtszüge entgleiten ihr vor Entsetzen. Lena holt gerade zu einer offenbar längeren Antwort aus, als im Nebenraum mein Handy beginnt zu klingeln. Allein der Klingelton lässt mich in allen Bewegungen innehalten.

“Shit”, fluche ich leise und überlege fieberhaft welcher Tag heute ist oder wie lange die Flughafensitutaion her ist. Mit einem erhobenen Zeigefinger zeige ich Lena an, dass sie mit sprechen warten soll.

“Lena, vergiss deine Rede über eine total überbewertete Mädchenserie nicht. Ich bin gleich wieder zurück.” Ich höre sie nur hinter mir schnauben, aber eile zu meinem Telefon, das in der Küche auf der Arbeitsplatte liegt und vor sich hin klingelt und vibriert. Fast schon ängstlich nehme ich es in die Hand und streiche zögerlich den Balken nach rechts, der den Anruf annimmt.

“Wendy-Candy, he-ey. Gut angekommen?”, frage ich und klatsche mir bei dem Zittern in meiner Stimme auf die Stirn. Warum habe ich vor dem Kampfzwerg nur so einen irren Respekt? Ich sollte echt mal meine Eier suchen.

“Steck dir dein ‚Hey‘ und ‚gut angekommen‘ irgendwohin, wo die Sonne nicht scheint!”, ruft sie aufgebracht durch den Hörer, und ich muss das Gerät erst mal ein Stück von mir weghalten. Die gute Frau hat ein extrem starkes Organ.

“Wendy. Bleib ruhig. Du kannst ihn immer noch zusammenfalten, wenn du weißt was los ist”, sagt Pan. Ich bin offenbar auf Lautsprecher.

“Erinnerst du dich? Erst fragen, dann schießen, okay? Ihm könnte es ja auch schlecht gehen, oder so etwas”, redet er weiter auf seine Freundin ein.

“Eben, es gab Zeiten, da mochtest du mich”, falle ich in das Gespräch ein und merke erst zu spät, dass es nicht gerade zu meinem Vorteil war.

“Timmi”, warnt mich Pan.

“Sorry”, sage ich und kratze mich am Hinterkopf.

“Okay, hör auf dich zu kratzen, du wirst irgendwann davon noch mal kahl und erzähl mir lieber, warum dich keiner erreichen konnte und du nicht in der Agentur bist!”, fragt Wendy mich, als wäre ich im Schiedsgericht. Ich kann sie mir bildlich vorstellen, wie sie ungeduldig mit dem Fuß wippt und gleichzeitig mit den Nägeln nervös auf dem Tisch klackt.

“Okay, lass mich nur kurz meine Gedanken sortieren”, bitte ich und schließe kurz meine Augen. Dann erzähl ich ihr die Geschichte von Lena und mir. Vom Flughafen, der Notaufnahme und den Krankenhausaufenthalt, bis hin zu ihrem Anruf. Ich lasse nur aus, was sie mir gestern erzählt hat, denn das geht niemanden etwas an, außer sie selbst.

“Ach, Timmi”, quietscht Wendy erfreut, während Pan unterschwellig grinsend langsam “Timmi, Timmi, Timmi”, sagt. Ich kann mir vorstellen, wie er dabei den Kopf mit einem Kanarienvogelgrinsen auf den Lippen schüttelt.

“Was?”, frage ich ahnungslos.

“Du magst sie!”, sagen beide gleichzeitig, als wäre es doch so offensichtlich.

“Quatsch”, wehre ich die absurde Vorstellung ab.

“Tim, überlege mal. Sei einmal ehrlich zu dir selbst”, drängt mich meine beste Freundin. Ich gebe schließlich stöhnend nach und kratze mir die gleiche Stelle wie kurz zuvor.

“Kratz nicht, spuck es aus”, sagt Pan genervt und ich verstecke meine Hand schnell hinter meinem Rücken. Die zwei kennen mich viel zu gut. Ich fühle mich nicht zum ersten Mal wie bei Big Brother.

“Ganz ehrlich?”, frage ich schwach, dennoch erzählbereit, da mir bei den Beiden eh nichts anderes übrig bleibt.

“Ja”, rufen beide aus.

“Okay”, seufze ich, “Ich mag sie, okay? Sehr sogar. Sie macht mich glücklich und sie bringt mich zum Lachen. Sie ist clever. Sie… sie ist anders”, zähle ich auf und füge lachend hinzu: “Sie ist ein bisschen verrückt und seltsam, aber allein ihr Lachen macht meinen Tag um einiges besser.” Vom anderen Ende grüßt mich nur Stille.

“Hallo? Noch da?”, frage ich verdutzt.

“Timmi”, quiekt Wendy noch vergnügter als zuvor.

“Timmi, du hast sie gefunden”, ruft sie aus.

“Selbst wenn, in spätestens einer Woche ist sie weg”, hole ich Wendy auf den Boden der Tatsachen zurück.

“Aber, das ist doch bescheuert”, schmollt sie und seufzt anschließend.

“Aber nicht zu ändern”, stimme ich ihr zu.

“Na schön, gib ihr wenigstens Klamotten von mir, sie wird ja kaum was mit sich haben”, bietet sie mir an.

“So sehr ich dir für das Angebt danke, aber nein danke. Lena sieht viel zu heiß in meinen Shirts aus.”

“Ich versteh dich da voll und ganz”, pflichtet mir Pan bei und Wendy kichert auf.

“Frag sie halt trotzdem. Wo ist sie jetzt eigentlich?”, fragt Wendy weiter nach.

“Sie hockt vor meinem Laptop und schaut so eine Vampirserie”, sage ich genervt.

“Dann schau sie mit ihr”, sagt Wendy selbstverständlich.

“Was?”, fragen Pan und ich, wie aus einem Munde.

“Nichts erobert ein Frauenherz so sehr, wie ein Lieblingsserienmarathon!”, entrüstet sie sich.

“Ähm, von mir aus”, sage ich abschweifend und sehe zu meiner Schlafzimmertür. Der Drang mir ihre Rede, warum die Serie für sie so toll ist, anzuhören, wird immer größer. Ich muss verrückt geworden sein. Aber ich hoffe dafür auf eines ihrer seltenen Lächeln.

“Okay, habt ihr mich genug gegrillt, oder steht noch was an?”, frage ich.

“In London ist alles super, Agentur läuft laut Basti, aber du solltest dich spätestens morgen blicken lassen, sonst dreht er durch”, leiert Pan schnell runter.

“Verstanden”, sage ich und nach einer erstaunlich kurzen Verabschiedung beenden wir das Gespräch.

Ich schütte mir meinen Kaffee in eine Tasse und mache Lena einen Tee. Mit beidem bewaffnet gehe ich zurück ins Schlafzimmer. Ich reiche ihr den Tee, den sie dankend annimmt und setze mich neben sie. Meine Beine strecke ich vor mich aus und lehne mich an das Kopfende meines Bettes. Nach einem großen Schluck Kaffee fühle ich mich dann auch fast bereit für ihre Rede.

“War der Anruf wichtig?”, fragt sie und pustet in ihre Tasse.

“Nein und ja. Das waren meine besten Freunde. Die ich zum Flughafen brachte”, erkläre ich ihr.

“Ah, die zwei Märchenfiguren”, sagt sie wissend. Ich hebe eine Augenbraue fragend, bis bei mir der Groschen fällt.

“Ja, sozusagen”, stimme ich ihr lachend zu. “Und Wendy hat angeboten, dass du dir Sachen von ihr aus der Wohnung unten leihen kannst.” Ich finde sie zwar heiß in meinen Klamotten, aber das muss nicht heißen, dass sie sich darin auch wohl fühlt.

“Eigentlich sind deine Shirts ganz gemütlich”, sagt sie mit einem kleinen Lächeln und eine zarte Röte schleicht sich auf ihre Wangen. Ich nicke nur zufrieden.

“So, Lena, jetzt erklär mir mal, warum ich diese Serie unbedingt mit dir sehen sollte?”, frage ich und nehme noch einen stärkenden Schluck des schwarzen Paradieses. Lenas Gesicht erhellt sich und sie wendet sich mir komplett zu.

“Wirklich? Du schaust die Serie mit mir?”, fragt sie hoffnungsvoll. Allein dafür würde ich mich durch die schlechteste Serie aller Zeiten quälen, auch wenn ich hoffe, dass die Vampire einigermaßen unterhaltsam sind und nicht glitzern. Vor allem nicht glitzern.

“Wenn du mich überzeugen kannst, klar. Ein Versuch ist es allemal wert”, sage ich schulterzuckend, obwohl ich meine Entscheidung schon getroffen habe. Sie zu ärgern macht Spaß.

“Das ist eigentlich schwer zu beschreiben. Man muss die Serie sehen, erleben, um die Faszination zu verstehen”, gibt sie nach einiger Überlegung kleinlaut zu.

“Okay, dann los.” Ich deute auf den Abspielknopf an meinem Laptop.

“Sicher?”, fragt sie erneut nach und ich nicke ihr aufmunternd zu.

“Schauen wir der Brünetten halt zu, wie sie über, sagen wir drei oder vier Staffeln, dem falschen Bruder hinterherrennt, um sich dann doch in den bösen Bruder mit dem großen Herz zu verlieben, der, wenn sie endlich zusammen sind, ehrenhaft stirbt”, murmle ich vor mich hin und nehme noch einen Schluck Kaffee. Lena lehnt sich daraufhin mit verschränkten Armen zurück und funkelt mich skeptisch an.

“Und du willst nur zehn Minuten von der Serie geschaut haben?”, fragt sie zähneknirschend und ich pruste in meine Tasse.

“Ich hab wohl voll ins Schwarze getroffen?”, frage ich ungläubig.

“Ja”, sagt sie knapp und macht keine Anstalten die erste Episode zu starten.

“Ach, komm schon”, sage ich lachend und starte die Folge. Bei der Bewegung streifen sich unsere nackten Arme und ich bin fasziniert, welche Gefühle so ein simpler Kontakt in mir auslöst. Mein gesamter Körper erwärmt sich. Mein Herz schlägt schneller und meine Hände beginnen zu schwitzen. Möglichst unauffällig atme ich tief durch, um meinen Puls wieder auf seinen Ruhezustand zu bringen. Nach einem Moment gelingt mir das sogar und ich bilde mir ein, dass es Lena genauso geht, zumindest ist ihr Gesicht noch ein wenig gerötet.

Die erste Folge überstehe ich ohne jeglichen Zwischenfall, außer, dass meine Lippen taub werden. Es ist auch verdammt schwer die sarkastischen Kommentare zurück zu halten. Ich meine, was will diese Elena mit so einem Weichei? Und von diesem Mattverschnitt will ich gar nicht erst anfangen. Damon ist der Mann durch und durch.

Wir frühstücken danach in aller Ruhe und diesmal geht sogar nicht der halbe Inhalt meines Vorrates drauf. Sie isst für meinen Geschmack zu wenig, aber ich reite nicht darauf rum. Lena springt unter die Dusche und ich leihe ihr mein “Yeah, no, don´t put me down for cardio”-Shirt. Wir quartieren uns auf das Trampolin um und sehen dort die weiteren Folgen. So schlimm, wie erwartet sind die Vampire am Ende doch nicht und ich amüsiere mich köstlich Lena am laufenden Band hochzunehmen. Ich habe halt irgendwann die Kommentare nicht mehr unterdrücken können. So verbringen wir den restlichen Tag und machen nur zum Essen eine Pause.

Doch das Beste ist, dass sie am Abend keinen Schokoladenriegel braucht, damit ihr Tag doch noch gut wird.

10. Persönliche Urlaubspläne

Tim

“Tim? Hast du mal auf die Uhr geschaut?”, fragt Lena mich, als der Abspann der letzten Folge der ersten Staffel über den Bildschirm flimmert. Ich greife nach meinem Telefon, dass auf dem Rand des Trampolins liegt.

“4:35 Uhr? Shit, wir müssen um 09:00 Uhr im Büro sein”, fluche ich. Wir setzen uns beide schlagartig auf.

“Dann solltest du vielleicht wenigstens ein paar Stunden schlafen”, sagt sie lachend, hält danach aber plötzlich inne.

“Moment. Wir müssen in euer Büro? Wir. So wie in du und ich?”, fragt sie bedeppert nach und zeigt dabei mit einem Finger zwischen uns hin und her.

“Ja, du und ich”, stelle ich belustigt klar.

“Warum muss ich mit?”, fragt sie schmollend und verschränkt die Arme vor der Brust. Das ich diesen einladenden Schmollmund wegküssen will und das ihre Oberweite durch die verschränkten Arme in diesem Shirt besonders gut zur Geltung kommt, schreibe ich jetzt der fortgeschrittenen Stunde zu. Aber, man, meine Augen kleben praktisch ein Stück unterhalb ihres Halses. Nach einem Moment wird ihr das bewusst und sie senkt langsam ihre Arme. Sie lehnt sich zurück auf ihre Ellenbogen und das macht die ganze Situation überhaupt nicht besser. Nicht, wenn sie mich weiter so ansieht, als wüsste sie ganz genau was in meinem triebgesteuerten Hirn gerade vor sich geht.

“So, Mr. Hulk, es wäre schön, wenn sie mich weiter überraschen und der Gentleman bleiben, von denen ich bis zu Ihnen glaubte, dass es sie nicht mehr gibt. Ich wäre Ihnen sehr verbunden”, sagt sie mit einem Augenaufschlag, der jegliche Zurückhaltung barbarisch schwer macht. Doch genau zum günstigsten oder ungünstigsten Zeitpunkt fallen mir ihre Worte über sie und die Männerwelt ein. Ich bin nicht so ein Arschloch. Ich weiß, was ein Nein bedeutet. Auch wenn Lena nicht direkt nein gesagt hat, aber ein Ja hat ihre Lippen auch nicht verlassen. Ich räuspere mich und atme tief durch, dabei kratze ich mich wieder an der altbewährten Stelle am Hinterkopf.

“Sorry, wo waren wir?”, frage ich. Lena sieht mich gleichzeitig erleichtert, verwundert und enttäuscht an. Ich wusste bis jetzt überhaupt nicht, dass das geht. Wenn ich das in ein Ja oder Nein übersetzen müsste, dann würde ich klar und deutlich mit “Jein?” antworten. Bis kein deutliches Ja signalisiert wird, fasse ich diese Frau mit Sicherheit nicht auf diese Art und Weise an.

“Warum ich mit muss”, hilft sie mir auf die Sprünge.

“Ja, also, wenn ich alleine gehe, dann siehst du nur heimlich die Serie weiter”, stelle ich klar und bin froh, dass wir das Thema so schnell wechseln konnten. Langsam formt sich ein selbstgefälliges Grinsen auf ihren Lippen.

“Ach, so schlimm sind die Vampire wohl doch nicht?”, schmunzelt sie. Doch, sie sind so realitätsfern, wie Vampire nur sein können, zumindest im klassischen Sinne. Doch das sage ich ihr natürlich nicht.

“Ich bekomme zumindest kein Augenkrebs davon, so viel kann ich dir versichern. Dieser Damon und Alaric, die Chemie stimmt einfach zwischen ihnen”, sage ich und Lena lacht los. Sie gibt mir einen Klapps auf die Schulter.

“Hör auf. Darum geht es in der Serie sicher nicht!”, schimpft sie, muss aber dennoch lachen.

“Und dieser Stefan, sein Psychiater sollte ihm mal bessere Antidepressiva verschreiben, dann ist seine Stirn vielleicht auch mal Faltenfrei und er würde sich nicht über alles und jeden Sorgen machen”, gebe ich zu bedenken.

“Er ist ein Vampir. Er brauch sich über so etwas wie Falten keine Gedanken machen”, sagt sie, noch heftiger lachend. Okay, entweder bin ich über Nacht zum Comedian mutiert oder Lena ist so müde, dass sie alles witzig findet.

“Außerdem hast du nur die erste Staffel. Ich kann gar nicht weiter schauen”, sagt sie, zum Thema zurückkehrend. Ich kann sie nur ungläubig anstarren. Ich weiß, dass sie vom Leben mehr als einmal geschupst wurde, aber sie kommt mir nicht vor, als würde sie hinterm Mond leben.

“Lena, was ist das?”, frage ich und sie sieht mich nun an, als wäre ich derjenige, der etwas offensichtliches übersieht.

“Dein Laptop?”, fragt sie, nicht verstehend worauf ich hinaus will.

“Eben und damit kann man ins Internet”, erläutere ich weiter.

“Schon, aber ich sehe mir die Serie sicher nicht illegal an, falls du das vorschlägst”, rügt sie mich.

“Das würde mir nie einfallen. Aber ich habe Netflix. Nichts geht über die originalen Folgen.” Lena sieht mich entsetzt und fast schon wütend an.

“Was nun wieder?”, stöhne ich auf und hebe vorsorglich entschuldigend meine Hände.

“Erstens: ich musste die gesamte erste Staffel auf deutsch sehen, obwohl du kein Problem mit englisch hast? Weißt du, wie schlecht die Synchro ist? Und zweitens: Die unendlichen Weiten des Serienhimmels ist nur ein klick weit entfernt und du sagst mir das erst jetzt?” Ich liebe die Denkweise dieser Frau. Sie ist genauso bekloppt wie ich.

“Sorry?”, sage ich grinsend.

“Jetzt will ich erst recht hier bleiben. Ich schaue auch alles außer die Vampire, versprochen”, bettelt sie.

“Naja”, sage ich schuldbewusst, “das ist eigentlich nicht der einzige Grund, warum ich dich gern dabei hätte.”

“Was noch?”, fragt sie und allein in ihrer Stimme höre ich, wie sie wieder in den Verteidigungsmodus wechselt.

“Der Grund ist etwas eigennützig, um ehrlich zu sein”, druckse ich weiter herum.

“Spuks schon aus”, verlangt sie.

“Naja, ich hoffe, dass wenn du mich begleitest, meine Freunde meinen Kopf auf meinen Schultern lassen und ihn nicht abreißen”, sage ich verlegen und meine Hand wandert automatisch wieder zu meinem Hinterkopf.

“Als ob man deine durchtrainierten Muskeln so leicht zerreißen kann”, murmelt sie und fügt wieder lauter hinzu: “Warum sollten sie das Überhaupt?”

“Ich hab nicht wirklich einen Urlaubsschein für die letzte Woche eingereicht, falls du verstehst”, gestehe ich ihr weiter.

“Du hast deinen Job geschwänzt?”, fragt sie entsetzt.

“Jap.”

“Bist du verrückt? Was wenn sie dich rausschmeißen? Und das nur wegen mir?”, ruft sie panisch aus.

“Lena, keine Panik. Sie feuern mich nicht, keine Angst. Die Firma gehört uns zu gleichen Teilen, dass geht also schon mal gar nicht so einfach. Das Wichtigste habe ich Abends per Mail abgearbeitet. Basti ist nur etwas angespannt, da er vorübergehend das Sagen hat.” Lena sieht wenig überzeugt aus.

“Lena, ich bin für das Design verantwortlich und für die App-Version. Da läuft zur Zeit alles ohne Probleme.”

“Wenn du meinst”, sagt sie unsicher.

“Ja, das ist nur Panikmacherei der Anderen”, versichere ich ihr. In den paar Tagen wird dort wohl niemand die Apokalypse gestartet haben. Hoffe ich zumindest.

“Aber sie sind dann nicht auf mich wütend, oder? Dann ziehe ich Netflix dem allemal vor”, versucht sie es erneut. Ich nehme den Laptop und stelle ihn neben dem Trampolin ab. Ich gähne ausgiebig und lege mich wieder auf die ausgebreiteten Decken.

“Keine Angst, sie werden dich lieben. Außerdem wolltest du sie eh wegen dem Tattoo fragen, oder?” sage ich mit halb geschlossenen Augen.

“Von mir aus”, seufzt sie. Ich ziehe sie am Arm sanft zu mir und beschließe, dass ich diese Nacht nicht nur von ihr träumen will. Das Gespräch mit Wendy und Pan noch im Hinterkopf gibt mir die nötige Überwindungskraft. Ja, ich mag diese Frau. Ich will sie hier behalten. Wer weiß, wie lange sie noch bei mir bleibt.

“Ähm, Tim? Was wird das?”, fragt sie, Stimme durch meinen Brustkorb gedämpft. Das sie sich nicht aus meiner Umarmung befreit, bemerke ich nur am Rande, aber es entgeht mir keinesfalls.

“Ich will ein Mal nicht nur träumen, dass du neben mir schläfst”, murmle ich und ihr Haar kitzelt mich am Kinn.

“Träumen? Tim, ich habe die letzten zwei Nächte bei dir geschlafen”, berichtet sie irritiert.

“Du hast? Was?”, frage ich, nun wieder hellwach.

“Das erste Mal hast du mich im Schlaf zu dir gezogen und gestern war mir kalt und ich wusste vom ersten Mal, dass du praktisch ein wandelnder Reaktor bist, also bin ich wieder zu dir unter die Decke gekrochen”, sagt sie gähnend. Sie findet sich schnell mit der Situation ab und kuschelt sich näher an mich. Wie selbstverständlich lege ich meine Arme um sie und gebe ihr einen Kuss auf ihr Haupthaar. Lena ist nach ein paar Minuten tief und fest eingeschlafen, aber meine Gedanken rasen nur so durch meine Gehirnwindungen und an Schlaf ist absolut nicht zu denken.

Ich liege noch immer wach, als um 07:30 Uhr mein Wecker lauthals beginnt zu schreien. Die letzten Stunden habe ich die Frau in meinen Armen einfach nur betrachtet und will gar nicht glauben, dass ich sie bald nie wieder sehe. Ich mag sie – sehr sogar. Ich will nicht, dass sie mein Leben wieder verlässt. Sie ist eines dieser Dinge, von denen man nie glaubte, sie je zu benötigen. Doch wenn man sie dann hat, will man sie nie wieder los lassen. Aber genau das wird sie bald von mir verlangen. Allein der Gedanke daran schnürt mir den Brustkorb zu. Lena ist auch weiterhin kein Morgenmensch, aber nach ihrer Dusche ist sie einigermaßen ansprechbar und nach einem kurzen Frühstück sind wir auch schon auf dem Weg in die Agentur. Mit jeder Haltestation, die wir uns nähern wird sie nervöser. Sie lernt neue Leute wirklich nicht gerne kennen. Sie wringt ihre Finger ineinander und wischt sie alle paar Minuten an ihrer Jeans ab. Sie sieht in meinem Hoodie und meiner Lederjacke sowieso schon ziemlich verloren aus. Als ihre Beine dann noch unaufhörlich wippen und ich schon Angst bekomme, dass sie bei der nächsten Gelegenheit los sprintet und sie sich womöglich noch verläuft, reicht es mir dann.

“Zwerg, komm mal runter”, schmunzle ich und lege meinen Arm um ihre Schultern. Meine andere Hand lege ich über ihre Hände.

“Gott, ich hasse das!”, stöhnt sie auf, lehnt sich aber an meine Schulter.

“Was genau von diesen vielen Möglichkeiten?”, frage ich nach.

“Was wenn sie mich nicht mögen? Leute mögen mich für gewöhnlich nicht besonders, Tim.” Ich will ihr gerade versichern, dass meinte Freunde schwer in Ordnung sind, verrückt, aber in Ordnung, da spricht sie schon schnell weiter.

“Und allem voran: seid wann bin ich so offensichtlich nervös? Sonst habe ich mich ganz gut im Griff. Ich kann Selbstdisziplin. Shit, ich bin die Königin der Selbstdisziplin. Ich habe meine innere Gefühlswelt und Außenfassade normalerweise schön getrennt, aber zur Zeit funktioniert das beim besten Willen nicht.” Ich glaube fast, sie redet mehr mit sich, als mit mir. Getroffen von einem Geistesblitz verschränkt sie die Arme und funkelt mich böse, aber nicht zu böse, an. Meine Hand, die ihre umschlossen hatte rutscht dadurch auf ihren Oberschenkel und ich denke nicht mal im Traum daran sie dort weg zu nehmen. Niemals.

“Das ist alles deine Schuld!”, schimpft sie wehleidig. Ich sag mal nichts dazu und lehne mich nur zufrieden Grinsend im Sitz zurück. Wenn sie ihre Gefühle mal nicht in sich hineinfrisst, sondern so schön für mich auf dem Präsentierteller trägt, dann bin ich gern schuldig.

Zehn Minuten später steigen wir aus dem Aufzug zur Agentur. Oder besser, ich steige aus. Lena bleibt wie versteinert stehen.

“Komm schon. Die beißen nicht”, sage ich. “Zumindest nicht beim ersten Mal.” Ich wollte die Stimmung auflockern, aber sie sieht mich entsetzt an.

“Sorry, das war ein Scherz.” Ich nehme ihre Hand und mit einem kleinen Ruck ziehe ich sie hinter mir her. Ich öffne die Tür zu unsrem Großraumbüro und werde von angeregtem Geschnatter begrüßt. Es sind alle da. Basti, mit Ines im Schoß und Kurt bekommt von Jenna die Schultern massiert.

“Sicher, das ihr ein Onlineportal für Leser und nicht doch heimlich eine Verkupplungsseite betreibt?”, fragt Lena leise hinter mir und ich muss auflachen. Der Gedanke ist bei dem Anblick aber auch naheliegend.

“Verstehst du jetzt, warum ich aus der WG raus bin? 24 Stunden am Tag hält das doch kein Mensch aus.” Ehe ich ihr versichern kann, dass wir unsere Arbeit hier durchaus ernst nachkommen, kommt Basti schon auf uns zu. Sein Gesicht spricht Bände. Er sieht aus, als wäre er bereit zum Mord.

“Tim, ich schwöre dir…”, beginnt er lauthals zu schimpfen und ehe er weiter ausholen kann, ziehe ich meinen Joker hervor. Ich schiebe Lena vor mich. Mein Schutzschild. Und wie erwartet fällt Bastis Reaktion aus. Sah er eben noch aus, als würde er mich innerlich schon Millimeter für Millimeter bei lebendigen Leibe häuten, so sieht er jetzt aus, als hätte man ihm seinen Lieblingskuchen unter die Nase gestellt. Der Typ liebt Kuchen.

“Hey, ich bin Basti”, stellt er sich höflich vor und hält Lena seine Hand entgegen. Diese erwidert die Geste zögerlich. Ihr ist sein Stimmungsumschwung nicht entgangen.

“Lena”, stellt sie sich schließlich vor und sieht mich über ihre Schulter an. Mit Freude stelle ich fest, dass ich ihren Blick sofort interpretieren kann. Sie kann nicht glauben, dass sie als Schutzschild tatsächlich funktioniert. Ich erwidere ihren Ausdruck mit einen Ich-habe-es-dir-doch-gesagt-Zwinkern. Ich stelle ihr den Rest der Truppe vor.

“Ihr seht aber auch leicht übernächtigt aus”, sagt Kurt grinsend, mit einem Kugelschreiber zwischen den Zähnen. Er mustert meine Klamotten an Lenas Körper. Ich mache mir erst gar nicht die Mühe ihm seine Vorstellung, was wir nun letzte Nacht getrieben haben könnten auszureden. Gott weiß, dass es bei diesem Mann sinnlos ist. Er denkt sowieso was er will.

“Hey, ich habe diesen Mann die letzte Woche vom Training abgehalten. Es wäre doch eine Schande, wenn diese Muskeln sich in Luft verwandeln. Wenn er schon einen enorm teuren Beitrag für ein rund um die Uhr geöffnetes Studio zahlt, dann sollte man es auch nutzen. Eine muss ihn ja mal hart ran nehmen”, sagt Lena ganz unschuldig und verzieht keine Miene. Kurts Grinsen schwankt und er sieht mich unsicher an. Ich lächle ihn nur an und ziehe Lena dann weiter. Ich setze sie an Wendys Rechner.

“Wenn irgendwas ist, dann mach dich einfach bemerkbar. Ich meine es ernst, komm einfach an meinen Schreibtisch oder ruf mich rüber. Ich gehe mal meinen Stapel durch, was ich verpasst habe. Es kann schon sein, dass wir den ganzen Tag hier fest hängen”, warne ich sie.

“Geh schon, ich habe auch noch ein paar Dinge zu erledigen”, sagt sie und schiebt mich weg. Sie zieht meine Jacke aus und breitet sich auf dem Schreibtisch aus. Widerwillig gehe ich an meinen Schreibtisch. Es erwartet mich mehr Arbeit als befürchtet, aber ich setze mich gleich dran und hoffe vor Sonnenuntergang wieder hier raus zu sein.

Nach ein paar Stunden brauche ich dringend eine Pause und einen Kaffee. Lena hat die ganze Zeit keinen Mucks von sich gegeben und macht sich eifrig Notizen.

Beim Vorbeigehen sehe ich auch, was sie sich da genau notiert. Sie vergleicht Flüge und ist gerade dabei einen zu buchen. Ich weiß, dass sich an ihren Plänen nichts geändert hat, schon gar nicht wegen mir, aber es jetzt schwarz auf weiß zu sehen, dass sie ziemlich bald geht, dass lässt mir jeglichen Hunger sofort vergehen. Ich hätte auch enorm großen Elan etwas zu zerschmettern. Als ich direkt hinter ihr vorbei gehe, erkenne ich, dass der gebuchte Flug in acht Tagen geht. Acht Tage und sie ist weg. Das ist unfair. Ich will sie näher kennenlernen, will mehr über sie erfahren. Dazu reicht selten ein Leben lang, schon gar nicht eine Woche. Was, wenn sie wirklich diese Eine fürs Leben ist? Ich weiß nicht, was genau ich für sie empfinde, aber über eine platonische Freundschaft geht es allemal hinaus. Normalerweise entwickelt sich doch alles mit der Zeit, nur habe ich diese offensichtlich nicht. Dann sollte ich wenigstens die wenige, die ich mit ihr gemeinsam habe nutzen.

Ich gehe in die Küche und treffe dort auf Basti und Ines.

“Ich brauche Urlaub. Für die nächsten acht Tage. Ab jetzt”, sage ich ohne Umschweife.

“Niemals”, sagt Basti, während Ines “Müsste zur Zeit passen”, sagt. Beide sehen sich mit angehobenen Augenbrauen an.

“Mit Wendy und Pan sind wir schon zwei weniger. Da können wir gleich dicht machen”, schimpft er.

“Tim hat gut vor gearbeitet und die Mails kann ich übernehmen”, schlichtet Ines.

“Warum brauchst du so plötzlich frei?”, fragt Ines freundlich nach, doch ihr Blick schweift schon an Wendys Schreibtisch.

“Sie fliegt in einer Woche”, sage ich knapp.

“Dann warte bis sie aus ihrem Urlaub wieder kommt”, sagt Basti schulterzuckend.

“Sie kommt nicht zurück. Sie wandert aus”, sage ich zähneknirschend. Basti sieht mich verständnislos an, während Ines mich bemitleidet.

“Sicher, dass es eine gute Idee ist?”, fragt Ines vorsichtig an. Ich nicke nur fest.

“Also von mir aus geht es klar”, sagt Ines und verlässt den Raum.

“Sicher, dass das eine gute Idee ist?”, wiederholt Basti die Worte seiner Freundin.

“Ja, wenn mir schon so wenig Zeit bleibt, dann will ich sie nutzen”, sage ich ehrlich, auch wenn es idiotisch klingt.

“Gut, von mir aus, aber danach arbeitest du dir einen Wolf!”, stellt er klar. Ich stimme ihn erleichtert zu und mache auf dem Absatz kehrt.

“Fertig?”, frage ich Lena fröhlich. Diese sieht mich verwundert an.

“Schon fertig?”, fragt sie.

“Nein, Urlaub”, verkünde ich ihr und halte ihr meine Lederjacke hin. Nach kurzem Zögern schlüpft sie hinein.

“Warum hast du plötzlich Urlaub?”, fragt sie nach.

“Weil ich es kann”, antworte ich knapp. Aber in ihrem Gehirn arbeitet es offensichtlich auf Hochtouren. Sie ahnt sicherlich, dass ich wegen ihr Frei genommen habe, aber was soll es. Lieber die Zeit nutzen, die ich mit ihr habe, als sie einfach davon ziehen zu lassen. Wenn ich ihr eine Woche an schönen Erinnerungen mitgeben kann bin ich schon glücklich und zufrieden. Denn wenn ich eines über sie weiß, dann, dass sie so etwas nicht besitzt und das ist einfach nur traurig und deprimierend. Ich will derjenige sein, der ihre Hoffnung ans Leben und die Menschen wieder aufkeimen lässt. Ich will den Unterschied machen, auch wenn ich mir zum Schluss das Herz bei lebendigen Leibe aus der Brust reiße, sobald ihr Flieger abhebt.

11. Persönliche Abschiede

Lena

Manchmal, wenn ich kurz vorm Einschlafen bin, wenn ich mit mir im Reinen bin, bilde ich mir ein, dass es mein Leben auch ist. Das alles besser ist, wenn ich wieder aufwache. Die letzte Woche passierte das nicht ein Mal. Ganz einfach, weil alles in Ordnung war. Mein Leben passierte weiterhin auf seine gewohnte Art, ich zog noch immer jegliche Katastrophe an, aber es war in Ordnung. Tim war an meiner Seite und das machte alles nur halb so schlimm.

Tim hat mir viel von Berlin gezeigt. Den Fernsehturm, den Alex und viele typische Touriattraktionen. Mein Favorit ist jedoch die Markthalle Kreuzberg gewesen. Ich wollte schon immer viel reisen und nach dem Besuch dort, hatte ich das Gefühl die ganze Welt gesehen zu haben. Die bunten Marktstände und die Gerüche der Gewürze und Speisen vermischten sich zu einem Ganzen, dass ihresgleichen sucht. Tim hat vieles auch zum ersten Mal gesehen. Er wohnt schon über ein Jahr in Berlin, aber er hat mehr gearbeitet als alles andere. Aber genau das lies es noch besonderer werden. Alles faszinierte ihn genauso.

Mehr als einmal stolperte ich über einen Bordstein, ein Hund der mir die Vorfahrt nahm oder ich war mit meinen beiden eigenen Beinen überfordert. Dank Tim passierte mir nichts. Einfach nichts und das ist so ein Balsam für meine Seele. Jemanden zu haben der sich sorgt. Den es wirklich kümmert, ob man sich das Genick bricht oder nicht.

Wir waren in einem kleinen Café zu Mittag essen, als das Glas in meiner Hand zersprang und sich in mein Fleisch einarbeitete. Tims Gesichtsausdruck darauf hat sich für immer in meine Erinnerung gebrannt. Ich könnte es nicht mal vergessen, wenn mein Leben davon abhängen würde. Meine Mutter hat immer genervt mit den Augen gerollt, wenn ich mal wieder mit einer Verletzung vor der Tür auftauchte. Doch Tim war voller Fürsorge und kümmerte sich um meine Verletzung. Er wickelte sofort seinen Schal um die klaffende Wunde, damit die Blutung stoppte. Wir mussten schließlich doch in die Notaufnahme um den Schnitt nähen zu lassen. Als dann auch noch der Psychoarzt von meinem ersten Trip ins Krankenhaus mich erneut zusammenflicken musste, hätte ich fast gelacht. Tim lauerte wie ein Schatten hinter ihm und zu meinem Erstaunen waren wir schnell wieder entlassen und meine Hand ordentlich versorgt. Als wir vorm Krankenhaus standen, nahm Tim meine gesunde Hand in seine. Die Berührung schickte einen Schauer über meinen Rücken, die nichts mit der Kälte, die an uns nagte, zu tun hatte.

“Bitte, lass mich einfach deine Hand halten. Ich halte es nicht aus, wenn dir alle fünf Minuten irgendwas passiert. Bitte, gebe mir den Funken Seelenfrieden und lass mich in dem Glauben, dass ich dir so helfen kann, okay?”, sagte er fast schon gequält, als würde ihn jede meiner Verletzungen selbst schmerzen und ich lies ihn. Seitdem hat er meine Hand nur selten losgelassen. Selbst in seinen vier Wänden, wenn wir die Serie weiter geschaut haben. Wir lagen auf dem Trampolin, mein Kopf auf seiner Brust und der Laptop auf seinem Schoß, meine Hand in seiner. Abends und nachts kämpften wir beide gegen die Müdigkeit an, keine Sekunde die uns gemeinsam blieb, mit Schlaf verschwendend. Wir haben fast alle bisherigen Staffeln gemeinsam geschaut und ich habe Tränen über seine bissigen Kommentare gelacht. Seit dem erneuten Krankenhausbesuch waren wir kaum noch draußen. Aber wir hätten die Zeit auch nicht besser miteinander verbringen können. Die letzten zwei Tage sprachen wir kaum miteinander. Mit jeder schweigsamen Minute wurde mein Herz schwerer und schwerer, bis ich glaubte es explodiert gleich, aber die Last war und ist nicht unangenehm. Es ist einfach Tim, der sich mehr und mehr in mein Herz schleicht. Doch sein Leben ist hier, seine ganze Existenz. Warum begegnet er mir ausgerechnet jetzt? Warum nicht eher?

Es macht mich so krank, mich immer alleine, ungewollt und traurig zu fühlen und alles unter einer dicken fetten Schicht Sarkasmus zu verstecken. Er lässt mich das vergessen. Es fühlt sich ein bisschen an wie sterben, zu wissen, dass morgen all diese alten bekannten Gefühle wieder auf mich einprasseln werden. Und genau deshalb sitze ich jetzt in seinem Bad, auf dem kalten Rand seiner Wanne und hyperventiliere. Ich schnappe nach Luft und dennoch habe ich das Gefühl, dass kein Sauerstoff in meine Lungen gelangt. Meine flache Hand presse ich gegen mein rasendes Herz. Es schmerzt so verdammt stark. Wie konnte ich nur so blöd sein und ihn so weit in mein Herz lassen? Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich gemocht und willkommen. Zum ersten Mal fühle ich mich nicht wie eine Last.

Und morgen geht mein Flug.

Ich will, dass heute für immer dauert. Das mein Leben zu einem Abklatsch von “und täglich grüßt das Murmeltier” wird. Ich würde alles geben, nur um die letzten acht Tage wieder und wieder und immer wieder zu erleben. Alles. Doch das wäre selbstsüchtig und unfair Tim gegenüber. Er mag im Moment nett zu mir sein, mich gut behandeln. Doch ich bin mir nicht sicher, ob er nur aus Mittleid handelt oder weil er weiß, dass er mich in einem Tag eh los ist. Ich schüttle über meine eigenen Gedanken den Kopf. Tim ist nicht so oberflächlich. Doch wenn Tim eines Tages aufwacht und mich mit genauso leeren Augen ansieht, wie alle anderen, die mir einst wichtig im Leben waren, würde mir das den Todesstoß geben. Was wenn er erkennt, was es heißt mich zu ertragen. Was, wenn mein Unglück sich auf ihn überträgt? Das könnte ich mir nie verzeihen. Und genau deshalb fliege ich morgen trotz allem. Um Tim vor mir selbst zu beschützen. Ich tue ihm einen Gefallen damit, ob er es nun versteht oder nicht, doch auf lange Sicht ist es besser für ihn. Ich bin mir nur nicht sicher, ob ich mich davon je erholen kann. Die Sache mit ihm ist so anders, so intensiv, so konsumierend, so erfüllend. Niemand hat mich so bisher fühlen lassen. Ich spüre langsam heiße Tränen meine Wangen herablaufen. Ich mache mir nicht mal die Mühe sie wegzuwischen. Ein Klopfen an der Badtür schreckt mich auf.

“Zwerg? Alles in Ordnung? Die Pizza ist da”, sagt er durch die geschlossene Tür. Ich räuspere mich leise, bevor ich antworte.

“Ich bin gleich fertig”, sage ich schwach und ich verziehe mein Gesicht missbilligend. Selbst in meinen Ohren klingt meine Stimme tränenerstickt.

“Alles okay?”, fragt er leise und seine Stimme ist ebenfalls belegt.

“Mir gehts gut”, lüge ich. Dieser kleine Satz entfährt mir mit Leichtigkeit, jeder hat diese Antwort bisher geschluckt. Die Anderen fragen zwar, aber wirklich interessiert hat es nie jemanden. Ich höre Tim auf der anderen Seite bitter auflachen.

“Klar und ich bin Prinzessin Leia”, sagt er leise und mein Brustkorb schnürt sich noch enger zusammen, die Tränen fließen heftiger. Er durchschaut meine billigen Lügen.

“Komm, sonst wird das Essen kalt”, sagt er leise und ich höre wie er sich von der Tür entfernt. Ich hole zitternd Luft und drehe das kalte Wasser am Waschbecken auf. Ich wasche mir mein Gesicht und betreibe Schadensbegrenzung. Tim weiß, dass ich geweint habe, dass heißt aber nicht, dass ich es ihm auch zeigen muss. Als mein Spiegelbild einigermaßen ansehnlich ist, greife ich mit zittriger Hand nach der Türklinke und gehe zu Tim ins Wohnzimmer. Er hat die Pizza bereits auf Teller verteilt und trägt sie gerade zum Trampolin. Er sieht mich in der Tür stehen und hält inne. Er betrachtet mich von oben bis unten und bleibt an meinen Augen hängen. Sie sind sicher noch rot und glasig. Tim schließt einen kurzen Moment die Augen und versucht sich an einem Lächeln, dass seine Augen nicht mal ansatzweise erreicht und ich spüre, wie Tränen erneut heiß in meinen Augenwinkeln brennen, aber ich werde nicht vor ihm weinen. Ich kann morgen im Flieger und danach im Hotel weinen, bis ich dehydriere.

“Komm”, sagt Tim sanft und mein Herz setzt einen Schlag aus. Dieses kleine Wort hat er so liebevoll ausgesprochen, dass mein Vorsatz nicht zu weinen gefährlich ins Schwanken gerät. Dennoch folge ich seiner Bitte und setze mich neben ihn im Schneidersitz aufs Trampolin. Er tut es mir gleich und unsere Knie berühren sich.

“Bereit?”, fragt er und ich will schon “Nein” schreien, als ich merke, dass er die letzte verbleibende Folge der Vampire meint und ich nicke schließlich stumm. Wir essen schweigsam nebeneinander, obwohl ich alles andere als hungrig bin. Ich kaue nur lustlos auf dem weichen Teig herum und gebe nach einem Stück auf.

Am Ende des Staffelfinales laufen mir die Tränen, die ich so zwanghaft zurückhielt, frei über meine Wangen und tropfen von meinem Kinn auf meine im Schoß zusammengehaltenen Hände.

“Hey, alles okay? Es ist doch nur eine Serie”, sagt Tim, erneut mit dieser Stimme voller Zuneigung. Ich will ihm am liebsten anschreien, dass er nicht so mit mir reden soll, dass macht alles doch nur noch schwerer. Ich schließe meine Augen und wünschte mir fast, dass Tim mich damals nicht gerettet hätte. Vielleicht wäre ich von meinem armseligen Leben befreit worden und würde jetzt nicht so viel Herzschmerz ertragen müssen.

“Es geht gar nicht um die Serie, oder?”, stellt er mehr fest, als dass er fragt. Tim legt einen Arm um meine Schulter und zieht mich zu sich. Ich lege meinen Kopf in die Kuhle seines Halses und ich kann mich nicht mehr zurückhalten. Ich beginne heftig und hässlich zu weinen.

“Lena”, seufzt er schwer und streicht mir über mein Haar und meinen Rücken. Ich will diese Umarmung nie verlassen müssen. Ich will mich in diesen starken Armen auf ewig verkriechen, aber das wäre selbstsüchtig und unfair Tim gegenüber. Ich will ihn nicht zurückhalten, will ihn nicht an mich binden.

“Lena, wenn es dir so schwer fällt, warum bleibst du dann nicht?”, fragt er fast schon hoffnungsvoll. Diese Hoffnung reicht, dass ich mich aus seiner Umarmung befreie und Abstand zwischen uns bringe.

“So funktioniert das nicht in meinem Leben”, rufe ich aufgebracht.

“Was?”, fragt er verwirrt, meinen Stimmungsumschwung nicht verstehend.

“Mein Leben ist kein verdammtes Märchen und ich bin sicher kein verdammtes Aschenputtel. Mein Prinz Charming kommt nicht einfach um die Ecke galoppiert und befreit mich von meinem pathetischen Leben. Bei mir ist kein und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage vorgesehen”, sage ich eindringlich und versuche meinen Standpunkt überzeugend rüberzubringen. Doch Tim sieht nur verärgert aus.

“Du hast Recht, du bist kein Aschenputtel! Du würdest einer Stiefmutter und Stiefschwestern Feuer geben, bis es keinen Morgen mehr gibt, wie du es dein ganzes Leben gemacht hast. Du willst, warum auch immer, nur nicht sehen, dass du auch glücklich sein darfst!”, ruft er nicht minder aufgebracht.

“In meinem Leben geht es nicht darum Glück zu finden, Tim. Es geht darum die Traurigkeit nicht gewinnen zu lassen!” Ich wische mir die Tränen aus den Augen und versuche meine Mauern wieder aufzubauen, nicht mehr so verletzlich zu sein, aber solange Tim in der Nähe ist, ist das ein sinnloses Unterfangen. Er nutzt die Gelegenheit und schließt die Distanz, die ich zwischen uns gebracht habe und sitzt jetzt genau vor mir. Er sieht mir tief in die Augen, durchbohrt mich und ich habe das Gefühl, er sucht nach etwas Bestimmten in meinem Blick. Er weicht ein paar Zentimeter zurück und sieht mich resigniert an.

“Das Schlimmste an der Situation ist, dass ich dich nicht aufhalten kann, morgen in diesen verdammten Flieger zu steigen!”, ruft er und rauft sich die Haare.

“Ich weiß”, sage ich sanft und lehne mich nach vorn, direkt vor ihn. Ich lege meine verbundene Hand auf seine Wange und er schmiegt sich an sie. Er legt seinen Hand über meine. Selbst durch den Verband spüre ich die Hitze seines Körpers.

“Lena, ich will nicht, dass du gehst”, flüstert er kaum hörbar, seine Augen glitzern feucht und dieser Anblick bricht mir fast das Herz.

“Ich weiß”, wiederhole ich meine Worte.

“Ich…”, beginnt Tim, aber hält inne. Er durchbohrt mich erneut mit seinem Blick. Nach was sucht er?

“Ah, shit, was solls”, sagt er. Seine Aussage noch gar nicht zuordnen könnend, spüre ich seine Hand in meinem Nacken. Tim beugt sich langsam nach vorn. Mein Blick legt sich auf seine Lippen und ein Feuer, was ich so noch nie in mir gespürt habe, breitet sich in meinem Unterleib, über meinen Bauch und schließlich im Rest meines Körpers aus. Wenige Millimeter vor meinem Mund stoppt er. Ich spüre seinen Atem auf meiner Haut und wundere mich, worauf er wartet. Ich sehe ihn wieder in die Augen und er sieht mich an, als würde er auf meine Erlaubnis warten. Ich nicke kaum merklich, aber es reicht an Bestätigung, die er braucht.

Wenn ich dachte je Schmetterlinge in meinem Bauch zu spüren, so explodiert nun ein Feuerwerk in mir. Ich sehe Funken hinter meinen geschlossenen Lidern sprühen, als seine Lippen auf meine treffen. Beide stöhnen wir geschockt von der Welle an Emotionen, die uns überrollt, auf. Tim zieht mich sanft auf seinen Schoß und meine Knie ruhen links und rechts von ihm auf den Decken die das Trampolin bedecken. Tim legt beide Hände an meinen Hals und vergräbt seine Finger in meinen Haaren. Sämtliche Haare auf meinem Körper stellen sich auf und ich rutsche noch näher an ihn heran. Diese kleine Bewegung lässt ihn erschauern und das Feuer in mir wird noch mehr geschürt. Unbeholfen und mit zittrigen Händen greife ich nach dem Saum seines Shirts. Noch bevor ich es zur Hälfte angehoben habe stoppt er mich.

“Lena, stopp. Nicht…nicht wenn du gehst”, sagt er, aber bricht unseren Kuss nicht. Ich nicke, aber ziehe ihm sein Shirt dennoch aus. Seine Hände landen sofort wieder auf mir. Eine in meinem Nacken und er zieht mich weiter an ihn und die andere landet auf meinem Oberschenkel. Langsam fährt er mit seinen Fingerspitzen mein Bein hoch und diesmal stöhne ich auf, als seine Finger meine nackte Haut unter meinem Shirt berühren. Kurz darauf ist auch dieses Stück Stoff verschwunden und mein Oberkörper wird nur noch von meinem BH bedeckt. Tim drückt mich sanft zurück, bis ich in den Kissen liege, auf denen wir die letzten Nächte geschlafen haben. Wir erkunden unsere Haut, aber lassen es nicht über diesen unglaublichen Kuss hinausgehen. Ich will, dass diese Nacht nie endet. Aber wie heißt es doch so bittersüß? Wenn es am Schönsten ist, soll man aufhören. Dieser Gedanke wird gestärkt, als salzige Tränen auf meine Wangen tropfen, die nicht meine sind.

Ich wache am nächsten Morgen in seinen Armen auf und er schläft zum Glück noch tief und fest. Ich schalte schnell den Wecker in meinem Telefon aus. Ich betrachte Tim noch einen Moment, präge mir jeden Millimeter von ihm ein. Ich bin so dankbar für die letzten Wochen. Von diesen Erinnerungen kann ich den Rest meines Lebens zehren. Dank ihm weiß ich, dass es wenigstens einen Menschen gibt, den es kümmert. Aber genau deshalb muss ich gehen. Ich könnte es mir nie verzeihen, wenn ihm wegen mir etwas passiert. Ich würde es nie beabsichtigen, aber bei meinem Glück? Da ist alles möglich.

Ich gebe ihm einen Hauch von einem Kuss auf die Wange und steige vorsichtig vom Trampolin.

“Danke”, flüstere ich, als ich das Wohnzimmer verlasse. Meine gepackte Tasche wartet bereits im Flur auf mich und ich gehe mich nur schnell im Bad frisch machen. Mein Flug geht extra zeitig und ich bin froh, dass ich dadurch den Abschied vermeiden kann. Denn ich bin mir nicht sicher, ob ich es sonst ertragen könnte aus dieser Tür zu treten. Ich öffne seine Wohnungstür und sehe mich ein letztes Mal um. Ich trete in den Hausflur hinaus und ziehe langsam und schweren Herzens die Tür zu. Ich zögere kurz sie ganz zu schließen, aber zwinge mich sie zuzuziehen. Als das Schloss klickt und ich vor der verschlossenen Tür stehe, spüre ich, wie etwas in mir zerbricht, auch wenn ich weiß, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Ich vergesse wie man atmet, obwohl es das natürlichste auf der Welt ist. Ich vergesse wie die Welt funktioniert und vergesse, was Lebenswille ist. Ich lasse mich von diesen Gefühlen überwältigen, bis es so viel wird, dass ich gar nichts mehr spüre und alles taub und stumpf wird.

Wenn sich so ein gebrochenes Herz anfühlt, dann will ich meins nicht mehr haben.

12. Persönliche Stolpersteine

Tim

Es gibt Momente, da brennen sich alltägliche Geräusche in dein Gehirn und verbinden sich unwiderruflich mit einer Erinnerung, egal wie schmerzhaft sie auch sein mögen. Die Verbindung ist da und kann nicht gelöscht werden. Ich glaube, wenn ich von nun an eine Tür sich schließen höre, dann spüre ich diesen Stich, der mein Herz gerade eindrucksvoll durchfährt, immer und immer wieder auf ein Neues. Jedes Mal, wenn ich meine Wohnung verlasse wird es weh tun. Jedes Mal, wenn sich die Bürotür in der Agentur schließt, werde ich innehalten, bis das Gefühl wieder abebbt. Arbeit wird in Zukunft bei dem Begängnis, das dort gewöhnlich herrscht, ganz wunderbar.

Im einen Moment schlafe ich tief und fest, dann dringt dieses unscheinbare Geräusch an mein Ohr und jede Zelle, jede Faser meines Körpers erwacht schlagartig. Doch ich öffne meine Augen nicht und bewege keinen Muskel. Das Einzige, was mich hier hält, ist der Gedanke, dass es ihr Wunsch ist. Sie will gehen. Sie hat offenbar Gefühle für mich, aber entweder sind sie nicht stark genug damit sie bleibt oder sie hat eine Scheißangst davor. Aber Eilmeldung: Das habe ich auch. Seit ich Pan sah, wie er unter der Trennung von Wendy litt, habe ich pure Panik mich so an jemanden zu binden. Der Mann ist damals vor meinen Augen zerbrochen und das war alles andere als ein schöner Anblick. Ich habe noch nie etwas so Trauriges gesehen und habe mir damals gewünscht, es nicht mit ansehen zu müssen. Deshalb mache ich genau das jetzt hier. Alleine. Ohne Augen, die mich mitleidig betrachten. Oder Münder, aus denen gut gemeinte Wörter fließen, aber den Schmerz kein bisschen leichter machen. Pan sagte mir mal, dass der Schmerz nie geht, er wird ein Teil von dir und irgendwann lebst du einfach weiter damit. Tag ein, Tag aus. Also fange ich gleich damit an. Ich funktioniere, aber Leben will ich das nicht nennen. Ich gehe ins Bad, putze mir die Zähne, dusche und ziehe mich an. Dass ich mir einen Kaffee aufgesetzt habe, merke ich erst, als ich mir die Lippen an der heißen Flüssigkeit verbrenne. Ich streiche sofort mit meiner Zunge über die Stelle und spüre sie protestierend pochen. Ich sehe in die Tasse und die schwarze Masse spricht mir aus der Seele. So muss es gerade in mir aussehen. Schwarz, leer, bis zum Rand gefüllt mit nichts als tiefster Dunkelheit. Angewidert von diesem Gedanken schütte ich den Rest des Kaffees in den Ausguss und etwas zu essen versuche ich erst gar nicht. Mein Magen ist von einem zentnerschweren Stein belagert und lässt kein Platz für lebenswichtige Nährstoffe.

Ich will mich nicht taub fühlen. Ich will etwas spüren, irgendwas, auch wenn es nur Traurigkeit oder Schmerzen sind. Ich will spüren, dass ich noch lebe, dass ich so etwas wie Emotionen noch fühlen kann. Ich lehne mich mit dem Rücken an die Küchenzeile und stütze mich auf meine Hände neben mir ab. Ergeben lasse ich den Kopf hängen. Und dann ganz plötzlich erfüllt sich mein Wunsch und es regt sich ein Gefühl in mir. Blinde, rasende Wut. Wut auf die Situation. Wut über Lenas Vergangenheit, die sie mehr als einmal schlecht behandelt hat. Wut, dass Lena sich so wertlos fühlt. Wut, dass sie glaubt, sie hat kein Glück verdient. Doch am stärksten ist die Wut darüber, dass sie mich verlassen hat. Warum habe ich sie erst jetzt kennenlernen dürfen? Nur damit ich sie gleich wieder verliere? Das ist nicht fair! Mein Finger stößt gegen die Tasse, in der sich vor keinen zwei Minuten noch mein dampfend heißer Kaffee befand. Ich schnappe mir sie und starre einen Augenblick auf sie ein. Ich drehe und wende sie. Dann hebe ich sie über meinen Kopf und schmettere sie mit voller Wucht auf den Boden vor mir. Das Zerspringen in tausend kleine Einzelteile beschwichtigt meine Wut nur einen Bruchteil einer Sekunde.

Das Trampolin kreuzt mein Blickfeld und alle schönen Erinnerungen der letzten Tage überrennen mich. Ihr herzliches Lachen. Ihr einmaliger Duft. Wie sie sich in meinen Armen angefühlt hat. Wie friedlich sie bei mir im Gegensatz zu der Zeit im Krankenhaus geschlafen hat. Wie sie sich enger an mich geschmiegt hat, wenn ihr kalt war. Wie sie sich über meine Kommentare zu der Serie amüsiert hat. Wie sie in meinen Shirts aussah. Jede Erinnerung schürt die Wut mehr und mehr. Schnellen Schrittes gehe ich auf das Sprunggerät zu und bleibe schnaufend davor stehen. Noch immer liegen die Decken und Kissen durcheinander auf der schwarzen Fläche. Ich umschließe den Rand fest mit meinen Fingern, bis meine Knöchel weiß werden. Mit einem kräftigen Ruck schmeiße ich es um und schreie mir den Frust von der Seele. Die Decken und Kissen fliegen durch das Zimmer und ziehen den einen oder anderen Gegenstand scheppernd mit zu Boden. Das Trampolin knallt auf meinen Laptop und das knirschende Geräusch sagt mir sofort, dass ich darauf demnächst keine Serien oder Filme mehr sehen kann. Ich könnte es sowieso nicht ohne an sie zu denken. Überhaupt alles erinnert mich an sie. Ich kann schlecht meine ganze Einrichtung zertrümmern. Aber meine Wut muss ich irgendwie abbauen, sonst drohe ich wahnsinnig zu werden und ich muss auch aus dieser Wohnung raus. Kurz entschlossen schnappe ich mir meine Sporttasche und meine Autoschlüssel. Nichts powert einen mehr aus, als ein hartes Workout. Danach werde ich in die Agentur gehen und teste Bastis Theorie, dass Arbeit ein gebrochenes Herz wenigstens für einen Moment besser werden lässt. Wehe dieser Bastard hat nicht Recht.

Ich mache mir gar nicht die Mühe eine Jacke überzuziehen, da die angestaute Wut meinen Körper genug aufheizt und reiße meine Wohnungstür auf. Ich mache kaum einen Schritt, da stolpere ich über eine schwarze Tasche. Ich falle und ziehe etwas mit mir herunter. Diesem Etwas entfährt ein Schreckensschrei. Mir bleibt die Luft weg, aber nicht von dem Sturz. Ich kann diese Stimme ganz genau zuordnen. Ich lande auf Lena und kann mich gerade noch so abfangen, damit ich sie nicht völlig unter mir zerquetsche.

“Aua”, jammert sie auf, als ihr Kopf auf den Steinboden prallt. Erst da bemerke ich, dass sie genau auf der Naht ihrer Verletzung gelandet ist. Fluchend verlagere ich mein Gewicht auf einen Arm und lege meine andere Hand vorsichtig auf ihre Haare über der Verletzung. Zum Glück spüre ich keine Flüssigkeit. Die Naht ist anscheinend nicht aufgeplatzt. Dennoch sind ihre Augen mit einem feuchten Film überzogen, der nur vom Scherz kommen kann.

“Was machst du hier?”, frage ich besorgt, erleichtert und verwirrt zugleich. Vorsichtig lege ich meine Stirn an ihre und schließe meine Augen. Ich wach sicher jeden Moment auf und sie ist wieder weg. Doch dann flüstert sie leise und kein Traum könnte ihre Stimme so real klingen lassen.

“Ich… ich konnte einfach nicht. Die Tür fiel ins Schloss und ich konnte mich keinen Millimeter mehr bewegen. Ich habe es versucht, aber meine Beine blieben einfach stehen. Meine Füße waren wie im Boden verankert.” Die ganze Zeit sieht sie mir in die Augen und ich kann nicht anders, als es ihr gleich zu tun.

“Tim… dich zu verlassen… kein Unfall, keine Misshandlung, nichts… nichts tat je so weh”, flüstert sie noch leiser, doch verstehe ich jedes Wort kristallklar. Mir entfährt ein kleines erleichtertes Lachen und ich küsse sie sanft auf die Nasenspitze.

“Komm”, sage ich und ziehe sie mit mir hoch.

“Urgh”, murmelt sie und hält sich mit einer Hand den Hinterkopf. Sie schwankt etwas und hält sich mit der anderen Hand an meinem Oberarm fest. Ich kicke ihre Tasche hinter mir in die Wohnung und nehme sie danach auf meine Arme. Sie will protestieren, doch mit einem Blick bringe ich sie zum Schweigen. Ich trage sie in mein Schlafzimmer und setze sie auf den Rand meines Bettes ab. Im Wohnzimmer muss ich erst Schadensbegrenzung betreiben, ehe ich sie dort wieder hineinlasse. Ich setze mich neben sie und ziehe sie in meine Arme. Ich atme ihren Duft ein, spüre ihre Wärme an meiner Wange und ihre zarte Hand, die sich auf meine Schulter legt. Die Nähe ist mir nicht nah genug und in einer flüssigen Bewegung ziehe ich sie auf meinen Schoß. Lena legt beide Arme um mich und ich vergrabe mein Gesicht in ihrer Halskuhle. Ab und zu gebe ich ihr einen kleinen Kuss auf die weiche Haut ihres Halses und jedes Mal erschaudert sie. Ich habe noch immer Angst, dass sie sich jeden Moment im Nichts auflöst und ich mir doch alles nur eingebildet habe.

“Tim…”, haucht sie atemlos.

“Hm?”, frage ich nach und streife erneut mit meinen Lippen über ihre Haut.

“Du zerquetschst mich…Luft”, flüstert sie und ich lockere augenblicklich meinen Griff um sie.

“Sorry”, flüstere ich.

“Schon okay”, sagt sie grinsend.

“Lena? Bedeutet das, dass du bleibst?”, frage ich zögerlich und versuche nicht zu hoffnungsvoll zu klingen. Lena lacht etwas nervös auf.

“Mein Flieger ist abermals ohne mich gestartet. Ich habe kein Geld für ein neues Ticket und sonst auch keinen Ort, wo ich hingehen könnte. Ich bin ein bisschen gestrandet”, sagt sie und ich sehe deutlich, dass ihr dieser Umstand Angst macht.

“Dann bleibe hier. Seit du hier bist, fühlt diese Wohnung sich zum ersten Mal wie ein Zuhause an”, gestehe ich ihr. Sie sieht mich nur unsicher und skeptisch an.

“Hey, wenn du bleibst, dann schaue ich alles auf Netflix, was du willst. Egal wie schnulzig, versprochen”, versuche ich sie grinsend zu locken. Das heißt, wenn ich einen neuen Laptop habe. Langsam breitet sich ein volles Lächeln in ihrem Gesicht aus und ich erlaube mir doch zu hoffen.

“Wer könnte da nein sagen?”, sagt sie schmunzelnd.

“Eben”, erwidere ich. Ich lege meine Hand in ihren Nacken und ziehe sie sanft zu mir herab. Eine Welle der Erleichterung durchfährt mich, als sich unsere Lippen berühren. Ich versuche ihr mit diesem Kuss alles zu sagen, was ich ihr noch nicht sagen konnte. Dieser Kuss ist mein Versprechen an sie, dass die Zeit alles richten wird und auch sie sich, wie jeder andere, ein Happy End verdient hat. Und wenn ich den Rest meines Lebens brauche um es ihr jeden Tag aufs Neue zu beweisen.

Epilog

Lena

Nach über einem halben Jahr führt mich mein Weg also doch noch auf den Flughafen. Ich dachte, ich sehe ihn erst wieder, wenn Tim und ich im Winter in die Karibik fliegen. Aber es kommt ja meist anders, als man denkt. Gott, keine Ahnung wann ich das letzte Mal nur ansatzweise so nervös war. Die Klimaanlage hält den Innenraum des Autos schön kühl und trotzdem rennt mir der Schweiß den Rücken herunter und meine Handflächen sind ebenfalls mit einem dünnen Film überzogen. Ich zähle schon gar nicht mehr mit, zum wievielten Mal ich meine Hände an meinem leichten Sommerkleid abwische. Links neben mir ertönt sein Lachen und noch heute lässt dieser Klang meine Haut am ganzen Körper tingeln.

“Alles okay bei dir?”, fragt Tim mit einem fetten Grinsen im Gesicht und ich will ihm diese Selbstgefälligkeit am liebsten aus dem Gesicht schlagen. Mein Hang zur Gewalt habe ich aber unter Kontrolle und seinem hübschen Gesicht könnte ich das eh nie antun.

“Sei du mal in meiner Situation”, knurre ich ihn daher nur an und starre aus dem Fenster. Tim amüsiert sich köstlich über meine Nervosität.

“Zwerg, du lernst nur meine zwei besten Freunde kennen”, sagt er mit einem liebevollen Klang in der Stimme und ich stöhne frustriert auf. Ich lasse meinen Kopf an die Kopfstütze fallen und starre auf die Sonnenblende vor mir.

“Das ist es ja. Deine besten Freunde”, sage ich und betone das Beste besonders. “Was wenn sie mich nicht mögen? Ich meine, sie wohnen unter uns. Was, wenn du regelmäßig bei ihnen bist und ich alleine in der Wohnung hocke?”, rassle ich nervös runter. Dann kommt mir ein Gedanke, der mich rot anlaufen lässt. Beschämt vergrabe ich mein Gesicht in meinen Händen.

“Was?”, fragt Tim leicht besorgt.

“Tim? Wie dick sind die Wände in dem Haus eigentlich? Ich mein, was hören die von uns da unten und was wir von denen bei uns oben?”, frage ich voller Horror flüsternd. Nach einem kurzen Moment der Stille lacht Tim lauthals neben mir auf und ich lunche durch meine Finger in seine Richtung. Seine Wangen haben auch eine leichte Färbung, aber ob jetzt vor Lachen oder Scham kann ich nicht ganz beurteilen. Dabei kenne ich diesen Mann bereits in- und auswendig.

“Lena, mach dir doch nicht so viele Gedanken. Als du meine Eltern kennengelernt hast, hast du doch auch nicht so einen Aufriss gemacht”, sagt er mit normaler Stimme.

“Schon, aber das ist etwas anderes. Wendy ist wie deine kleine Schwester. Ich will, dass sie mich mag”, sage ich schmollend. Ja, ich nenne die zwei auch Wendy und Pan. Wenn sie von allen immer nur so genannt werden, färbt das irgendwann ab.

“Alle meine Freunde mögen dich. Bei Wendy und Pan wird es auch nicht anders sein.” Ich zucke nur unschlüssig mit den Schultern und lasse mich wieder in den Sitz zurückfallen.

“Außerdem, wie oft hast du die letzten Monate stundenlang mit ihr telefoniert? Ihr schreibt euch sogar jeden Tag! Pan und ich haben schon Angst, dass ihr zwei was miteinander anfangt, wenn ihr euch dann mal persönlich kennenlernt.” Ja, wir verstehen uns super, das muss ich zugeben.

“Trotzdem ist es etwas anderes jemanden nur aus der Ferne zu kennen und demjenigen dann real gegenüberzustehen. Was, wenn ich ihren Erwartungen nicht gerecht werde?”, frage ich weinerlich.

“Dann hat Wendy sich in dem halben Jahr um 180 Grad gedreht und das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.” Ich antworte ihm nicht, die Diskussion findet eh erst ein wirkliches Ende, wenn ich Wendy und Pan endlich von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehe.

“Wir müssen uns übrigens ein neues Auto zulegen. Das Baby hier gehört ab heute wieder Pan”, lenkt Tim vom Thema ab. Ich sehe ihn ein bisschen wütend mit gerunzelter Stirn an.

“Tim, wir wohnen in Berlin. Du fährst mit der Straßenbahn zur Arbeit und wenn die Uni für mich beginnt, mache ich das Gleiche. Das wäre rausgeschmissenes Geld.” Ich bin noch immer etwas sauer, dass er mir zum Geburtstag die Reise in die Karibik geschenkt hat. Ich meine, ich will da schon ewig hin, aber so habe ich das Gefühl Tim auf der Tasche zu liegen. Ich habe ab Oktober einen Studienplatz erwischt, aber welcher Student kann sich bitte so eine Reise leisten? Ich sicher nicht.

“Gebe nicht immer so viel unnötiges Geld für mich aus”, sage ich und Tim will argumentieren, doch seinen Lippen überkommt kein Wort. Seine Miene verdunkelt sich und für einen Moment bin ich verwirrt. Bis ich seinem Blick folge. Wie es der Zufall will, parken wir genau in der Nähe der Stelle, an der wir uns das allererste Mal begegnet sind. Ich muss etwas schlucken, als die Erinnerungen auf mich einprasseln.

“Ist es moralisch sehr verwerflich, dass ich diesen Idioten von damals auf kranke Art und Weise dankbar für ihre Tat bin? Du wärest jetzt wer weiß wo, in wer weiß was für einem Zustand und ich würde noch immer glauben, dass mein Leben ohne dich perfekt wäre”, flüstert Tim neben mir. Ich nehme seine Hand und lächle ihn an.

“Nein, ist es nicht. Mir geht es genauso”, versichere ich ihm.

Wir warten am Gate für die Anreisenden. Das Flugzeug aus London ist bereits gelandet und die ersten Passagiere verlassen die Gepäckausgabe. Viele werden von Familienmitgliedern abgeholt und allgemein scheint eine gute Stimmung zu herrschen. Doch ich bekomme alles nur am Rande mit. Ich will mir am liebsten die Fingernägel vor Nervosität abkauen. Ich würde dies auch machen, wenn Tim meine Hand nicht fest in seiner halten würde. Er streicht mit seinem Daumen sanft über meinen Handrücken, aber es hat nicht die übliche beruhigende Wirkung auf mich.

“Da”, sagt er erleichtert. Ich sehe Wendy, die um einiges hübscher, als auf den Fotos ist, die ich von ihr kenne, auf uns zu rennen. Pan kommt ein Stück hinter ihr mit den Koffern im Schlepptau. Ich lasse Tim los, da ich aus Erfahrung weiß, dass die Gruppe an Freunden hemmungslose Umarmer sind. Daran habe ich mich nach all den Monaten auch noch nicht gewöhnt. Tim breitet seine Arme auch erwartungsvoll aus, aber völlig umsonst, wie sich herausstellt. Anstatt in seine Arme zu springen, fällt Wendy mir um den Hals. Ich bleibe schockiert stehen und bin erstarrt.

“Endlich lerne ich dich auch in echt kennen”, ruft Wendy fröhlich und ich patsche ihr unbeholfen und unsicher auf den Rücken. Ich sage es ja, ich habe mich an diese Umarmungssache noch immer nicht gewöhnt.

“Hey! Finger von meiner Freundin! Wehe Pans und meine Theorie verwirklicht sich”, meldet sich Tim und spielt den Beleidigten. Lachend lässt die schöne Brünette von mir ab und umarmt Tim. Ich stehe lächelnd daneben. Pan kommt schnaubend endlich bei uns an.

“Ihr glaubt gar nicht, wie ich mich auf den Rechtsverkehr in Deutschland freue”, sagt er zur Begrüßung und ich muss schmunzeln. Er begrüßt Tim mit einer dieser männlichen Halbumarmungen und ich bin abermals überrumpelt, als auch er mich umarmt. Immer dieses Umarmen, als könnten sie die Hände nicht bei sich behalten. Ich glaube, ich werde nie ein Freund davon werden.

Im Auto sitze ich mit Wendy hinten und Tim unterhält sich vorn mit Pan über die letzten Monate in der Agentur. Ich fühle mich etwas fehl am Platz und schaue gedankenverloren aus dem Fenster, als ich plötzlich eine warme Hand über meiner spüre. Kurz darauf beugt sich Wendy dicht an mein Ohr und flüstert, dass nur ich es hören kann: “Entspann dich, Lena. Ich mag dich. Ich mag dich allein deshalb, da Tim dich liebt. Mehr muss ich nicht wissen, denn da kannst du nur ein wunderbarer Mensch sein.” Ich sehe sie nur unsicher an. Sie ist doch viel zu nett um wahr zu sein. Tim sieht mich über den Rückspiegel an und grinst wissend. Ich stecke ihm nur die Zunge heraus. Genau in diesem Moment dreht sich Pan nach hinten und hält erst mal inne, als er meine ausgestreckte Zunge sieht. Ich ziehe sie sofort zurück und er grinst mich kopfschüttelnd an.

“So, Lena, du willst wirklich keinen Job bei uns?”, fragt er aus heiterem Himmel. Diese Diskussion habe ich schon oft mit Tim geführt.

“Naja, wollen schon, aber ich will es mir verdienen. Erst kommt das Studium, aber meine Praktika mache ich gerne bei euch”, sage nun ich grinsend.

“Ich mag dich”, sagt er. “Hart arbeiten für den Erfolg, aber mutig genug Beziehungen zu nutzen. Du passt gut zu uns.”

“Ich sehe es eher als Arbeitserfahrung sammeln”, sage ich schmunzelnd. Pan nickt grinsend und dreht sich Tim zu.

“Tim, deine Frau gefällt mir”, sagt er anerkennend und ich laufe abermals rot an.

“Jap, meine Frau”, sagt er und sieht mich wieder über den Rückspiegel an. Sein Blick spricht Bände und ich muss die Schmetterlinge in meinem Bauch zähmen.

“Du hast deine Frau, also sei nicht zu begeistert von meiner”, sagt er halb ernst, halb spaßig zu seinem Freund.

“Ruhig Tiger. Jetzt weißt du endlich mal wie es mir geht, wenn ihr Wendy Komplimente macht. Willkommen im Club”, stichelt er Tim.

“Alex”, warnt Wendy ihren Freund, kann aber das Heitere nicht ganz aus ihrer Stimme verbannen. Dieser hebt nur beschwichtigend die Hände und die Männer unterhalten sich wieder über die Arbeit. Wendy und ich führen ein unverfängliches Gespräch über London und die Fahrt ist auch schon wieder schnell vorbei. Tim gibt die Autoschlüssel an Pan zurück und wir bringen die Urlauber bis an ihre Tür. Zu meinem Erstaunen gehen wir nicht mit hinein, sondern angetrieben von meinem Freund verabschieden wir uns relativ hastig.

“Willst du nicht etwas Zeit mit ihnen verbringen? Du hast sie über ein halbes Jahr nicht gesehen”, frage ich ihn verwundert, als er mich hinter sich die Treppe hochzieht. Tim bleibt stehen und ich renne fast gegen ihn. Er zieht mich an sich und küsst mich stürmisch.

“Dieses ganze meine-Frau-gequatsche hat mich schon arg angemacht”, presst er zwischen unseren Lippen hervor und mir gefriert das Blut in den Adern. Jegliche meiner Bewegung stoppt, aber Tim küsst mich weiter.

“Kein Panik, ich mach dir keinen Antrag. Zumindest nicht die nächste Zeit, aber vorstellen darf ich es mir doch, oder?”, flüstert er und lehnt seine Stirn gegen meine. Ein sanftes Lächeln stiehlt sich auf meine Lippen und ich nicke leicht.

“Gut”, sagt Tim und er trägt mich den Rest des Weges, noch immer küssend, in unsere Wohnung.

Zum ersten Mal seit langem hat Tim mich falsch eingeschätzt. Ich hatte eben keine Panik, weil er mir womöglich einen Antrag machen könnte. Ich habe die Möglichkeit bisher nur noch nie in Betracht gezogen.

Nein, was mich so erschüttert und erstaunt hat, ist die Tatsache, dass ich ohne zu zögern, Ja gesagt hätte.

ENDE

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.